LUFTPOST 53: Die Hubschrauber von São Paulo

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist nicht nur wegen spannender Spiele und überraschender Ergebnisse interessant, wir erhalten auch wertvolle und verblüffende Einblicke in einen der BRIC Staaten, wie man die vier wichtigsten „Emerging Economies“ Brasilien, Russland, Indien und China nennt. Die Unruhen im Land des Sambas lassen allerdings schwerwiegende Probleme vermuten, insbesondere was Bildung und Verkehr betrifft. In Rio de Janeiro zirkulieren etwa 9000 Omnibusse und 35.000 Taxis. Das Ergebnis sind etwa sechs Stunden Dauerstau pro Tag. Aber Rio ist nichts gegen die Metropolregion von São Paulo. Dort pendeln 20 Millionen Menschen Tag für Tag durch die Häuserschluchten. Sechs Millionen Autos, 42.000 Busse, 160.000 Lastwagen und 875.000 Motorräder sind in der Stadt registriert. Jeden Tag werden weitere 800 Fahrzeuge zugelassen. 1980 war die Durchschnittsgeschwindigkeit noch 25 km/h, mittlerweile sind es noch 15 km/h, mit denen man durch die 8000 km² große Metropolregion kommt. Den 200 km langen Dauerstau machen sich Verbrecher zu Nutze, die auf offener Straße Passagiere in Omnibussen, Taxis oder Privatwagen ausrauben.

Gleichwohl wird die Stadt vom Geldadel Brasiliens bevorzugt. Der Wealth-Report von 2013, das ist das Gegenteil unseres Armutsberichts, listet 1.880 Brasilianer mit einem Bankkonto von 30 Millionen US Dollar und mehr. Dass sich diese Menschen nicht auf die Erde herab begeben und mit Arbeitern in den Stau stellen, wird einleuchten. Daher ist São Paulo, noch vor Tokio und New York, die Stadt mit der größten Hubschrauberdichte der Welt. 500 Helis waren 2013 registriert, 70.000 Flüge finden jährlich über den Köpfen der Erdenbürger statt. Die meisten Hubschrauberlandeplätze von Brasilien sind in São Paulo, 50% mehr als zum Beispiel in ganz Großbritannien. Von den 260 Landeplätzen in der Stadt befinden sich 210 auf Dächern von Hochhäusern. Mit dem Hubschrauber fliegt man über alle Probleme hinweg. In einer Viertelstunde ist man am Meer, oder zu Hause, oder bei einem Geschäftspartner. Mit dem Auto hätte das drei, vier Stunden gedauert. Und natürlich ist man in zehn oder zwanzig Minuten an einem der beiden Flughäfen, um mal eben nach Fortaleza oder Rio de Janeiro zu fliegen, wo – man ahnt es – auch wieder ein Hubschrauber wartet. Bei einem Besuch bei Eurocopter in São Paulo bemerkte ein Verkäufer in seinem Vortrag: ‚Um in Brasilien Geschäfte zu machen, brauchst Du einen Blackberry und einen Helikopter‘. Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, als redete er über Manschettenknöpfe und nicht über ein 5 Millionen Euro Fluggerät!

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Die Helikopter Industrie rechnet mit etwa 5000 Aufträgen in den nächsten acht Jahren. Andere Firmen haben sich auf die Veredelung der Inneneinrichtung spezialisiert. Man glaubt an Bord einer Luxusjacht zu sein, wenn man sich in den Lederpolstern zurücklehnt und die Champagnerbox öffnet. Heli-Airlines boomen. So betreibt zum Beispiel Lìder Aviação eine Flotte von 60 Hubschraubern und hat 250 Piloten unter Kontrakt, die rund um die Uhr bereitstehen, Lufttaxidienste zu übernehmen. Die Associação Brasileira De Pilotos De Helicóptero (ABRAPHE), das ist so etwas wie unsere Vereinigung Cockpit, vertritt 2300 brasilianische Hubschrauberpiloten. Seit 2004 gibt es 21 festgelegte Helikopterrouten über der Stadt. Flughöhe ist 2000 bis 3500 Fuß. Und São Paulo hat noch etwas dem Rest der Welt voraus: Eine eigene Flugsicherungszentrale nur für Hubschrauberverkehr.

von Andreas Fecker

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