Luftpost 47: Marten Hartwell

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Foto: Bildarchiv Fecker

Gelegentlich lesen wir von tragischen Geschichten wie die eines Arztes, der spät abends – außerhalb seiner Bereitschaftszeit – zu einem Notfall gerufen wird, um ein Menschenleben zu retten. Pflichtbewusst setzt er sich ins Auto und fährt in den Nachbarort. Aber er hatte eine Stunde zuvor noch Gäste gehabt, mit denen die eine oder andere Flasche Wein geleert wurde. Auf dem Weg zum Einsatz überfährt er ein Kind, das auf einem unbeleuchteten Fahrrad in dunkler Kleidung unterwegs war. Der Unfall kostet das Leben des Kindes, der niedergelassene Arzt kommt vor Gericht, er verliert seinen Beruf, sein Einkommen und schließlich sogar noch seine Familie. Dabei wollte er nur helfen.

So ähnlich erging es Marten Hartwell, einem Deutschen, der nach Nordkanada ausgewandert war. Er fand eine Anstellung bei einem kleinen Charter Service in den kanadischen Northwest Territories. Am 8. November 1972 flog Hartwell zwei Vermessungsingenieure von Yellowknife zu einem Camp hoch im Norden, landete aber wegen schlechten Wetters in Cambridge Bay, einem kleinen Inuit Dorf in den NWT. Kaum hatte er die Parkbremse seiner Beech 18 gesetzt und den Motor abgestellt, kam eine Krankenschwester auf ihn zu gelaufen.

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„Sie schickt der Himmel! Wir haben zwei Problemfälle hier, die sofort ins Krankenhaus nach Yellowknife müssen. Eine hochschwangere Frau mit einer Steißlage und einen Eskimojungen mit einer Blinddarmentzündung. Ich komme mit.“

„Was? Wie bitte? Ich kann doch heute nicht mehr fliegen! Ich bin schon den ganzen Tag unterwegs. Ich bin todmüde. Außerdem habe ich keine Nachtflugzulassung.“

„Sie können doch die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen! Sie schaffen das schon!“

„Was wäre denn gewesen, wenn ich gar nicht hier gelandet wäre? Was würde dann mit den beiden passieren?“

„Wenn, wenn, wenn. Sie sind nun einmal da!“

„Können Sie niemand anderen rufen? Selbstverständlich würde ich fliegen, aber ich kann nicht und ich darf eigentlich nicht.“

„Ihr mit Euren Vorschriften! Ich möchte wissen was Ihr an Stelle der beiden Betroffenen sagen würdet. Ich habe versucht, die Rettungsleitstelle zu erreichen, aber wir sind momentan von der Außenwelt abgeschnitten. Nichts funktioniert.“

„Okay. Besorgen Sie mir eine Thermoskanne mit heißem Kaffee. Ich muss noch tanken. Wir starten in einer Stunde.“

Hartwell hatte nur eine Sichtflug-Berechtigung. Es würde bald dunkel werden. Er hatte noch nicht viel Erfahrung mit der arktischen Fliegerei. Und dann lässt er sich auf ein solches Unterfangen ein: Nach einem langen Tag bei schlechtem Wetter und Schneetreiben in die Nacht hineinzufliegen 850 km bis nach Yellowknife! Cambridge Bay hat eine Kompassabweichung von 15° Ost, Yellowknife bereits 23° Ost. GPS gab es noch keines, sein Funkgerät war schwach, seine ADF funktionierte nicht richtig, und das nächste NDB stand in Contwoyto. Es war allgemein bekannt, dass dieses Funkfeuer bei kaltem Wetter nur schwach arbeitete. Wieder so ein Fall, wo Menschen die Hilfsbereitschaft über die Gewissenhaftigkeit stellen.

Eilig luden sie die Passagiere ein. Judy Hill, die Krankenschwester, kletterte neben ihn, und ab ging’s zu einem Flug, der zur Hölle wurde!

Es kam wie es kommen musste, Hartwell rieb sich die Augen, um wach zu bleiben, trank literweise Kaffee und verpasste trotzdem das Funkfeuer von Contwoyto. Er wusste, dass er ’verwachst’ hatte, als er in der Dunkelheit in Schneegestöber geriet und sank tiefer und tiefer unter die Wolken. Irgendwann lagen die Wolken auf und er flog gegen einen Berg. Die Beech zerbrach, und eigentlich müsste die Geschichte hier enden. Aber hier beginnt sie erst.

Die schwangere Mutter starb sofort, die Krankenschwester ebenfalls. Marten Hartwell hatte beim Aufschlag beide Füße zwischen die Pedale gebracht und beide Fußgelenke gebrochen. Nur unter allergrößten Schmerzen konnte er seine Beine befreien und sich aus dem Wrack schleppen, das im Nu zugeschneit war. Der 14-jährige Junge, David Kootook, war unverletzt, jedoch hatte der ja noch immer seine Blinddarmentzündung. Nun, Kanada hat ja einen erfahrenen Such- und Rettungsdienst. Irgendwann am nächsten Morgen wurde dieser alarmiert und es begann die größte Suche in der Geschichte der kanadischen Luftfahrt. 20 Flugzeuge und 500 Freiwillige waren mit der Suche beschäftigt.

Foto: Bildarchiv Fecker

Ein starker Ostwind hatte Hartwell jedoch etwa 350 Kilometer vom Kurs abgetrieben, und da die Entfernung zwischen Cambridge Bay und Yellowknife und damit das Suchgebiet so groß war, wurde die Maschine nicht gefunden. Dazu kam, dass Hartwell für diesen ungeplanten Flug auch keine zusätzliche Verpflegung mitgenommen hatte. So teilten sich die beiden Überlebenden ein paar Fische, die die Vermessungsingenieure im Flugzeug vergessen hatten. Der Junge versuchte, einen Flusslauf zu finden, der ihn zu Menschen bringen würde. Doch alles war vergeblich. Hartwell wollte wegen der Kälte von minus 40 Grad Celsius die Batterie des Notradios nicht überstrapazieren. So ließ er den Jungen Holz sammeln und Feuer machen.

Hartwell stellte den Jungen und sich selbst auf eine lange Zeit des Wartens ein. Er rationierte die Fische und kratzte Flechten von Steinen ab, um die Portionen zu strecken. In der Handtasche von Judy Hill fand er Zuckertabletten. Doch alle Nahrung war bald aufgebraucht, frische Nahrung nicht zu finden. Am 23. Tag starb der Junge, Hartwell war allein. Er konnte nur auf seinen halb erfrorenen Händen und seinen Knien kriechen, die gebrochenen und geschienten Fußgelenke hinter sich herziehend.
Als der Hunger immer größer und Hartwell immer schwächer wurde, überschritt er die innere Barriere, wie vor ihm auch die Überlebenden der Anden. Er ernährte sich vom gefrorenen Körper der Krankenschwester. Man kann darüber diskutieren, und ihm wäre sicherlich andere Nahrung lieber gewesen, aber er überlebte.

Am 32. Tag hörte er einen Hubschrauber. Er holte seinen Notsender hervor, den er unter seiner Kleidung warm gehalten hatte, und schaltete ihn ein. Der Hubschrauber peilte das Signal an, Marten Hartwell war gerettet. Ganz Kanada hatte damals Anteil an dem Unglück genommen. Es gab auch ein Hearing vor Gericht, zu dem Hartwell aber nicht erschien. In einer schriftlichen Erklärung nahm er zu den Geschehnissen Stellung.

Gerichte entscheiden von Fall zu Fall, ob ein „rechtfertigender Notstand“ vorliegt (hierzulande §16 OWiG oder §34 StGB). Im Fall des Arztes wird der Grad der Alkoholisierung eine Rolle spielen, ebenso die Länge des Weges und die Nähe eines Krankenwagens. Abzuwägen ist dagegen die Erheblichkeit der Gesundheitsbedrohung auf der anderen Seite. Marten Hartwell als Pilot und rettender Engel war gar nicht in der Lage, den Hilfsflug abzulehnen. Das Gericht sprach ihn auch im moralischen Punkt frei. Aber für die professionellen Fehler musste er eine Strafe von 25.000 Dollar hinnehmen. Wie immer kann sich die Justiz in der Nachbetrachtung eines Sachverhaltes alle notwendige Zeit nehmen, im Gegensatz zum handelnden Menschen, der unvermittelt mit einem Notfall konfrontiert wird.

von Andreas Fecker

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