Luftpost 313: Indianergeburtstag

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An Bord einer Beaver in der Wildnis Alaskas – Bildarchiv: Fecker

Ein besonderes Merkmal vom Reisen mit dem Flugzeug ist, dass man schnell und unvermittelt mit fremden, manchmal sogar befremdlichen Kulturen und Brauchtümern konfrontiert werden kann. So strandete ich einst auf einer abenteuerlichen Alaska Reise in Chitna, geschrieben Chitina, einem kleinen Dorf am Copper River. Die Athabaska Indianer nennen es Tsedi Na, zu deutsch, Kupferfluss. Wir warteten auf besseres Wetter, um unsere Reise fortzusetzen. Das Dorf mit dem Charme einer verfallenen Ghost Town hatte damals nur noch 42 Einwohner und bestand aus etwa zehn Häusern und einem Saloon. Noch vor hundert Jahren lebten hier zwei bis dreihundert Indianer, bis der Weiße Mann das Kupfer entdeckte. Grippe, Syphilis und Tripper dezimierten danach die Bevölkerung. Die Eisenbahngesellschaft plante eine Trasse von der Küstenstadt Cordova bis Chitina. Nach Aufgabe der Pläne sollte die Trasse wenigstens für eine Straße genutzt werden. Das wurde aber nie verwirklicht. Und so war Chitna von der Küste abgehängt.

Es war ungefähr 22 Uhr, in der Bar brannte noch Licht. Als ich den Raum betrat, verstummten alle Gespräche, ich wurde neugierig gemustert. Am Tresen bestellte ich mir ein Bier, stellte mich kurz vor und fragte den, der mir am nächsten stand, ob ich ihn zu etwas einladen dürfte. Er taute sofort auf, sagte „ich bin Zak, und ja, ein Bier wäre nett.“ Da der Tresen ziemlich voll war, setzten wir uns mit unserem Bier an der Wand auf den Boden. Zak war gesprächig. Ich lud ihn ein, mir von der Geschichte des Ortes und den Traditionen seiner Vorfahren zu erzählen. Anfangs sprach er noch von Jagd und Fischfang, von der alten Kupfermine, der Eisenbahn und der Straße, deren Bau nach dem Karfreitags-Erdbeben von 1964 eingestellt wurde. Immer wieder führten seine Geschichten in die Tristesse einer vom Staat vernachlässigten indigenen Volksgruppe. Gegen 23 Uhr lud er mich zu sich nach Hause ein. Auf meinen Einwand, dass seine Frau sicherlich nicht begeistert sein würde, stand er auf, ging an die Bar, wo sich seine Frau an einer Dose Budweiser festhielt. Sie blickte erst überrascht zu ihm, dann zu mir und nickte.

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Das Emporium diente im Verlauf der letzten hundert Jahre als Gemeinschaftshaus, Laden, Saloon und Mall – Foto: Frank Kovalchek für Wikipedia Commons

Als ich aufstand sagte er, wir müssen noch die Kinder mitnehmen. Jetzt erst entdeckte ich einen kleinen Jungen mit ungefähr sechs Jahren und ein vielleicht achtjähriges Mädchen, die auf der anderen Seite des Raumes auf einer Bank schliefen. Ich nahm den kleineren auf die Arme und folgte Zak und seiner Frau nach Hause. Zak trug seine schlafende Tochter. Im unverschlossenen Haus herrschte Chaos. Hier lebten Messis. Der einzige Tisch war übersät mit Legosteinen. Mit einer weit ausholenden Armbewegung wischte der Familienvater das Spielzeug vom Tisch und bot mir einen Platz auf der Couch an. Er selbst setzte sich wieder auf den Boden. Neben der Couch stand ein 50-Liter Bierfass. Zak holte drei geleerte Konservendosen und füllte sie mit Bier. Na, denn Prost.

Um halbzwölf kam Jenny, seine älteste Tochter nach Hause. Sie war 13 Jahre alt. Bald darauf stolperte Zaks Bruder durch die Tür, das Haus füllte sich. Die Konservendosen auch. Um Mitternacht sprangen Zak und seine Frau auf, packten Jenny an Armen und Beinen und legten sie mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Jenny schrie „Noooooo!“ Ich war entsetzt, wo ich da hineingeraten war. Zak erklärte die Situation: „Jenny hat heute ihren 14. Geburtstag. Es ist bei uns Brauch, dass sie für jedes Jahr einen Schlag auf den Hintern bekommt, bevor wir ihr etwas wünschen.“ Zaks Bruder machte den Anfang und schlug ihr 14 Mal heftig auf den Po. Während er ihr ein langes Leben und viele Kinder wünschte, tauschte er mit Zak die Position und hielt ihre Beine fest. Auch Zak versohlte ihr den Hintern und wünschte ihr einen starken Mann, der sie gut versorgen solle. Auch die Mutter schlug sie 14 Mal und wünschte ihr, dass sie eine gute Köchin würde. Nun forderte Zak mich auf. „Du bist an der Reihe, Andy.“ „Nein, das ist eine Familienangelegenheit. Ich bin doch nicht Teil Eurer Familie“, versuchte ich mich zu drücken. Da runzelte Zak die Stirn und fragte mit scharfer Stimme: „Du wirst uns doch nicht beleidigen wollen?“ „Natürlich nicht.“ Halbherzig ließ ich meine Hand ein paarmal auf den Hintern des Mädchens fallen.“ „Fester!“ forderte Zak mich auf, „sonst lässt der Schmerz nach!“ Nach dem 14. Klaps sagte er: „Und jetzt einen Wunsch!“ Mit belegter Stimme wünschte ich ihr, „dass alles in Erfüllung geht, was Du dir wünschst, Jenny.“ Das kam aus meinem tiefsten Herzen. Jenny brach in Tränen aus und antwortete: „Ich wünsche mir, dass dieses beschissene Leben bald zu Ende ist!“ Der Geburtstagswunsch einer Vierzehnjährigen, die definitiv nicht 60 werden wollte! Kurz darauf verabschiedete ich mich.

Nachdem ich Teil dieses Dramas geworden war, habe ich an jenem Abend sicherlich einen besseren Eindruck vom Leben der Indianer in Alaska gewonnen, als von jedem Film, den ein Fernsehteam hätte drehen können.

Andreas Fecker

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