Luftpost 310: Zwei ungleiche Menschen

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Foto: Archiv Fecker

Es ist kein Jahrestag, es ist kein aktuelles Ereignis. Und trotzdem bewegt mich das Thema noch immer. Vor zehn Jahren besuchte ich die ehemalige Stewardess der Singapore Airlines Farzana Abdul Razak. Sie war gerade mal 18 Jahre alt, als sie auf ihrem ersten Interkontinentalflug nach Los Angeles nach einer Zwischenlandung in Taipeh einen tragischen Startunfall durchleben musste. Der Jumbo geriet auf eine gesperrte Startbahn, auf der Baumaschinen standen. Das Flugzeug wurde in drei Teile zerrissen, 125.000 Kilogramm Kerosin gerieten in Brand. Von einer Sekunde auf die andere musste die junge Stewardess das anwenden, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Instinktiv besann sie sich ihrer Verantwortung für die 45 Menschen in ihrem Bereich der brennenden Boeing 747 und rettete trotz Feuer und Rauch einen Passagier nach dem anderen, bis die Feuerwehr an der Unglücksstelle ankam und ihre Arbeit übernahm. Mit schweren Verbrennungen wurde sie von einem Krankenhaus in das nächste verlegt, allein um ihr Leben zu retten. Danach folgten Hauttransplantationen. In unzähligen Interventionen wurden zumindest die sichtbaren Teile ihrer Körperhaut ersetzt. Die Airline flog sie zu den besten Hautärzten der Welt.

Und dann hätten wir da noch einen Kapitän Francesco Schettino. Er setzte ein Kreuzfahrtschiff mit 4229 Personen an Bord gegen einen Felsen. Er war damals 42 Jahre alt. Kapitäne gehen normalerweise als letzte von Bord eines havarierten Schiffs. Schettino gehörte allerdings zu den ersten und schämte sich auch nicht zu behaupten, er sei unglücklich in ein Rettungsboot gefallen. Er wurde später zu 16 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

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Ist es erlaubt, diese beiden Menschen zu vergleichen? Hier die junge Stewardess, die ihr Leben einsetzte, um Passagiere zu retten? Da der Kapitän, der als erstes an sich selbst denkt, nachdem er schuldhaft 4000 Menschen in nächtliche Lebensgefahr gebracht hatte? Statt sein Schuld anzuerkennen und Reue zu zeigen, legte Schettino 2018 Urteilsbeschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein!

Farzana zehn Jahre nach dem Unfall mit ihren Kindern in Kuala Lumpur – Foto: Bildarchiv Fecker

Den Unfallhergang habe ich in Luftpost 019 ausführlicher beschrieben. Farzana hatte keine Schuld an ihrem Unglück. Sie hat sich ins Leben zurückgekämpft. Sie ist eine starke Frau geworden, die inzwischen über den Unfall reden kann und allen vergeben hat, die dazu beigetragen haben. Diese Woche hatte sie Geburtstag.
Happy Birthday, Farzana!

Andreas Fecker

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