Luftpost 31: Single European Sky

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Andreas Fecker. Foto: Archiv Fecker

Seit Monaten drohen die französischen Fluglotsen wieder mit Streik, zuletzt für kommenden Mittwoch. Lotsenverbände aus den Nachbarstaaten planten sie dabei unterstützen. 14.000 Fluglotsen wollten damit ein Zeichen gegen die Single European Sky Pläne der EU setzen. Doch offenbar fällt die Aktion aus, nachdem die Franzosen ihren Streik kurzfristig wieder abgeblasen haben. Im Beitrag „Europas Luftraum: Spielwiese einer Patchwork-Familie“ in diesem Portal habe ich bereits eine Situationsbeschreibung des Europäischen Luftraums abgegeben.

Hier noch einige zusätzliche Eckdaten aus Quellen der Europäischen Kommission:
• Auf einer Fläche von 10,8 Mio. km² arbeiten 60 Flugverkehrsleitzentralen aus 37 privaten, staatlichen oder halbstaatlichen Flugsicherungssystemen.
• Deren Jahresumsatz beläuft sich auf 8,6 Mrd. Euro. Sie beschäftigen rund 57.000 Personen, davon 16.900 Flugverkehrsleiter (zum Vergleich: Die USA beschäftigen 13.000 Flugverkehrsleiter).
• Im Jahr 2010 hat das europäische Flugsicherungssystem über 9,5 Mio. Flüge kontrolliert; an verkehrsstarken Tagen waren es 33.000 Flüge. Bis 2020 erwartet man einen Anstieg auf 17 Mio. Flüge mit 50.000 Flügen an verkehrsstarken Tagen.
• Im Jahr 2010 resultierten etwa 19,4 Mio. Minuten Verspätungen für die Überflüge und im Durchschnitt pro Flug eine um 49 km längere Strecke als der ideale (direkte) Flug.
• Die geschätzten Kosten der «Luftraum-Fragmentierung» belaufen sich auf rund 4 Mrd. Euro jährlich.
• Die fünf größten Flugsicherungsunternehmen AENA (ES), DSNA (FR), NATS (UK), DFS (DE) und ENAV (IT) generieren rund 60% der Gesamtkosten und kontrollieren 54% des Flugverkehrs.
• Die restlichen 40% der Gesamtkosten werden von den 32 übrigen Flugsicherungsunternehmen generiert.
• Die Bandbreite der Kosteneffizienz der Flugsicherungsunternehmen (zusammengesetzt aus Unit Cost und Verspätungskosten pro Composite Flugstunde) ist relativ groß und erstreckt sich von 837 Euro für Belgocontrol (BE) bis 163 Euro für den estnischen Flugsicherungsbetreiber. Die Schweizer Skyguide liegt bei 711 Euro, der europäische Durchschnitt bei 544 Euro.

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Kein Staat hat Geld zu verschenken. Es ist also unbestritten, dass die Systeme harmonisiert werden müssen. Über Jahrzehnte wird geredet und geschraubt, es gab auch Fortschritte. Aber wenn es nun zum Schwur kommen soll, wenn die Luftraumgrenzen fallen und die verschiedenen Flugsicherungsorganisationen zusammenrücken sollen, dann fällt man auf nationale Egoismen zurück. Hintergrund dürften die erstrittenen Tarifverträge sein. Das sind durchaus Errungenschaften, die Sinn machen und die bisweilen teuer erkauft wurden. Dabei gibt es bereits Beispiele für erfolgreiche, länderübergreifende Zusammenarbeit ohne ins Tarifsystem einzugreifen. Cross Border Areas werden permanent oder zeitlich begrenzt an den Nachbarstaat delegiert, Verkehrsübergaben von Deutschland in Richtung Italien und umgekehrt werden direkt zwischen den beiden Staaten koordiniert, obwohl die österreichischen Bundesländer Vorarlberg und Tirol dazwischen liegen. Die Schweiz arbeitet im süddeutschen Luftraum. Das sind bereits Beispiele pragmatischer Zusammenarbeit, wie man sie sich für ganz Europa wünschen würde.

Sollte am Ende der Großbaustelle Single European Sky idealerweise eine einheitliche europäische Flugsicherung stehen wie die FAA in den USA, dann werden da sicher noch einige Jahrzehnte ins Land gehen. Denn zu viel hängt in dieser sicherheitsempfindlichen Branche davon ab, zu unterschiedlich sind die kulturellen Hintergründe. Es wird also kein Weg daran vorbei führen, stetig, aber in kleinen Schritten voranzugehen, die die Beteiligten auch überschauen und bereitwillig mitgehen können.

von Andreas Fecker

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