Luftpost 28: Zoff am Himmel

Werbung
Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

Früher einmal saßen die Nichtraucher vorne im Flugzeug, die Raucher hinten. Dann setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch Passivrauchen gesundheitsschädlich und krebserregend ist. Das führte zum flächendeckenden Rauchverbot in allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Damit wurde aber ein neues Problem geschaffen: Je länger der Flug dauert, umso größer die Entzugserscheinungen der Kettenraucher. Der Nikotinspiegel sinkt bis der Mensch meint, er könne es nicht mehr ohne Glimmstängel aushalten. In der Economy Class sind die Sitze relativ eng, was weiter zum Unbehagen beiträgt. Viele Passagiere nehmen ihr gesamtes Gepäck mit in die Kabine, das dann in den Overhead-Bins kein Platz mehr hat und unter dem Vordersitz verstaut werden muss. Das geht dann auch noch zu Lasten der Beinfreiheit. Womöglich sitzt der Reisende dann eingepfercht in einem Mittelsitz. Weil die Airlines an der Bordverpflegung sparen, gibt es weniger Ablenkung. Der Alkohol erledigt dann den Rest. Manche Menschen werden durch ihn müde, andere werden aggressiv. Da sind unter gut situierten Passagieren auch Proleten an Bord, die nie gelernt haben, auf andere Rücksicht zu nehmen!

Das Muster dieser verhaltensgestörten Menschen ist leider nicht immer gleich. Mit Einführung der Billigtickets begann eine neue Zeitrechnung in der Luftfahrt. Es wurde ein neuer Markt geschaffen, den es vorher nicht gab. Die Airlines haben sich eine ganz neue Klientel in die Kabinen geschwemmt, mit der sie nun irgendwie fertig werden müssen. Manche glauben, mit ihrem 99-Euro-Ticket Rechte an der Maschine oder der Gesellschaft erworben zu haben, und führen sich dementsprechend auf. Mittlerweile ist von der Großmutter und dem betont vornehmen Manager bis zum rücksichtslosen Schläger alles an Bord. Dem Schnäppchenpreis sei Dank. Anders, als in ihrem eigenen Auto haben sie hier nicht die Kontrolle. Manche kommen bereits alkoholisiert in die Kabine, oder sie betrinken sich während des Fluges und werden dann ausfällig. Für Verspätungen auf überlasteten Flughäfen oder wegen schlechten Wetters, für Warteschleifen haben sie kein Verständnis.

Werbung

Der Trend zur Gewaltbereitschaft steigt leider nicht nur im erdgebundenen täglichen Leben an, sondern auch an Bord, seit Fliegen zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Zählte die IATA 2007 noch einige hundert Pöbel-Passagiere im Jahr, so stieg die Zahl mittlerweile auf über 6000. Erwägt man, dass Low-Cost-Gesellschaften von Deutschland aus bereits 658 Strecken bedienen, schwant dem friedliebenden Flugreisenden Arges!

Der Anlass ist oft harmlos: Es reicht manchmal schon, dass ein Gast darauf hingewiesen wird, sein Mobiltelefon auszuschalten. Ein Wort ergibt das andere, und schon verliert der Fluggast die Beherrschung. Und da haben wir auch schon die nächste Baustelle: Manche Airlines genehmigen neuerdings das Telefonieren an Bord, andere nicht. So manch aggressiver Mensch will sich sein vermeintliches Recht nicht einschränken lassen, entweder das zu telefonieren, oder das seine Ruhe zu haben. Meist ist auch noch Alkohol im Spiel. So wie mutmaßlich bei dem französischen Schauspieler Gérard Depardieu, der 2011 zum Entsetzen von mehr als hundert Mitreisenden in den Gang eines Flugzeugs urinierte, weil er vor der Landung die Toilette nicht mehr aufsuchen durfte.

Gelbe Karte! Foto: Bildarchiv British Airways

Beispiele gefällig? Da biss eine Russin auf dem Flug von Los Angeles nach London eine Flugbegleiterin, weil ihr weiterer Alkohol verwehrt wurde. Betrunkene Fußball-Fans rasteten an Bord aus, worauf sieben Randalierer nach einer ungeplanten Zwischenlandung festgenommen wurden. Jüngst prügelten zwei Fluggäste ein Besatzungsmitglied krankenhausreif, weil sie die Toilette der Business Class nicht benutzen durften. Auf dem Flug von London nach Malaga schlug ein Passagier einer Stewardess eine Wodka-Flasche an den Kopf, dass sie anschließend mit 18 Stichen genäht werden musste.

Die Passagiere wissen oft gar nicht, was sie anrichten! Wenn jemand durch seine Aggression eine außerplanmäßige Landung provoziert, bedeutet das zusätzliche Spritkosten, Landegebühren, Terminalgebühren, Verspätungen, verpasste Anschlüsse von bis zu 550 Passagieren, für die möglicherweise Übernachtungskosten anfallen können. Und die Airport-Hotels sind nicht gerade die billigsten. Es fallen zusätzliche Wartungskosten an, möglicherweise Überschreitung der Crew-Duty-Time, eine Ersatzcrew muss vielleicht eingeflogen werden. Dazu kommen die Kosten des Polizeieinsatzes. Obendrauf muss die Airline jedem Passagier die laut Fluggastverordnung anfallenden Entschädigungszahlungen von bis zu 600 Euro leisten. Wenn es ganz dumm läuft, muss das Flugzeug sogar noch mit frischer Bordverpflegung versorgt werden. Da kommt schnell mal eine halbe Million zusammen. Die Kosten variieren zwar von Fall zu Fall, aber es kann in der Tat schnell auf solche und noch höhere Kosten kommen, je nachdem wo man zwischenlanden muss. Die Verursacher müssen dann auch noch zusehen, mit welcher anderen Airline sie von dort wieder wegkommen, wie jener Passagier, den Monarch Airlines auf dem Flug von Manchester nach Teneriffa auf der kleinen Atlantikinsel Porto Santo der Polizei übergeben hatte. Es gibt Gesellschaften, die werden sie nicht wieder befördern!

Allerdings erweist sich ein Einklagen der entstandenen Kosten nicht immer als einfach. Da spielen die Nationalität der Airline, das Land der Zulassung des Flugzeugs, das Drittland in dem der Passagier rausgeschmissen wurde und zuletzt die Nationalität des Passagiers eine Rolle. Da viele Flugzeuge irischen Leasinggesellschaften gehören, die sie unter verschiedensten Bedingungen weltweit vermieten, ist bei über 40 Prozent der Fälle Irland mit im Spiel, was sich in der Vergangenheit nicht immer als hilfreich erwiesen hatte. Das Problem ist inzwischen auch von der ICAO erkannt worden. Im kommenden März sollen verschärfte Regeln beschlossen werden. British Airways benutzt jetzt bereits die „gelbe Karte“. Diese wird pöbelnden Passagieren als letzte Warnung zusammen mit einem Merkblatt gezeigt, auf dem die Konsequenzen drastisch beschrieben werden.

In den USA gilt aggressives Passagierverhalten während des Fluges als Gefährdung der Flugsicherheit und wird als ‚federal crime‘ verfolgt. Freiheitsstrafen und/oder enorme Kosten erwarten den Verursacher des Zwischenfalls. British Airways und KLM verfolgen inzwischen die so genannte Nulltoleranz-Politik. Die Verursacher werden ohne Pardon der Strafverfolgung übergeben. Darüber hinaus führte die KLM eine ‚No-Fly-Liste‘ ein. Wer darauf steht, kann für fünf Jahre nicht mehr mit dieser Airline fliegen.

Ein Airbus mit 212 Fluggästen an Bord war in der Nacht bereits über eine Stunde auf dem Weg von München nach Bangkok, als ein 45-jähriger extrem gewalttätiger Mann zu schreien, zu treten und zu schlagen begann. Die Crew fesselte ihn an seinen Sitz. Trotzdem hörte er nicht auf zu schreien. Eine aufgebrachte Passagierin versetzte daraufhin dem Mann einen Faustschlag. Nun kam es an Bord zu Tumulten unter den übrigen Fluggästen. Die Crew fürchtete um die Sicherheit von Flugzeug und Passagieren. Das Flugzeug befand sich aktuell über der Ukraine. Der Kapitän wollte hier keine ungeplante Landung ohne Not riskieren und entschied sich, nach Deutschland zurückzukehren. München war zur voraussichtlichen Landezeit bereits geschlossen. Also flog er nach Düsseldorf, wo er vier Stunden nach dem Abflug landete. Der Störenfried wurde von vier Beamten der Bundespolizei in Empfang genommen. Die frustrierten Fluggäste verbrachten die Nacht in zwei Düsseldorfer Hotels. Erst gegen Mittag des folgenden Tages konnten sie mit über 15 Stunden Verspätung ihre Reise fortsetzen. Die Kosten von circa 200.000 Euro wollte die Airline von dem Passagier einklagen. Ob sie damit erfolgreich war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Ich frage mich, muss Fliegen wieder teurer werden?

von Andreas Fecker

Schlagwörter: , , , ,

Eine Antwort zu “Luftpost 28: Zoff am Himmel”

  1. frodewin sagt:

    Ich frage mich, warum Airlines unbedingt Alkohol auf Flügen servieren müssen, bei solchen Resultaten. Ist der Gewinn damit wirklich so viel höher als die Kosten solcher Vorfälle? Alkohol sollte an Bord verboten sein, genauso wie Waffen und andere gefährliche Gegenstände.