Luftpost 279: Der Wert des Menschen

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA hat im Jahr 2011 angeordnet, dass Fluggesellschaften ihr Cockpit Personal in Crew Ressource Management ausbilden müssen. Da zum Beispiel Teamwork im Cockpit dazugehört, sollte man eigentlich meinen, das sei eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem fügte die FAA noch eine Kosten-Nutzen-Rechnung hinzu, die auf den ersten Blick nachdenklich stimmt. Die Behörde schätzte nämlich, dass diese Anordnung die Airlines im Laufe von zehn Jahren zwölf Millionen Dollar kosten wird. Sie erwarte allerdings auch, dass dadurch weniger Unfälle passieren werden. Die Behörde berechnete damals den Wert eines Menschenlebens mit sechs Millionen Dollar. Die volkswirtschaftliche Ersparnis käme also im genannten Zeitraum auf 120 Millionen Dollar, zehnmal soviel, wie die veranschlagten Ausbildungskosten!

Vereinfacht ausgedrückt heißt das, es lohnt sich in die Sicherheit zu investieren, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung unterm Summenstrich eine schwarze Zahl ausweist. Je roter diese Zahl ist, umso mehr droht der Grundsatz „Sicherheit ist unser oberstes Gebot“ zur Worthülse zu werden.  (Diese Summen sind nicht zu verwechseln mit den Millionenklagen auf Schadenersatz, die amerikanische Anwälte regelmäßig vor Gericht herausschlagen, denn die richten sich nach dem Vermögenswert eines Schädigers.)

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Wer jetzt reflexartig der Luftverkehrswirtschaft gewissenloses Verhalten vorwirft, sollte erst einmal weiterlesen. Es gibt über hundert statistische Studien zum Wert eines Menschenlebens. Die Ergebnisse variieren zwischen fünf und neun Millionen. Dabei waren auch ganz lapidare Fragen zu beantworten: Wieviel Geld ist man durchschnittlich bereit, in einen Fahrradhelm zu investieren? Welche Einstellung hat der durchschnittliche Verkehrsteilnehmer zur Geschwindigkeit? Die Statistiker gehen davon aus, dass bei schnellerer Fahrweise mehr tödliche Unfälle passieren. Verkehrsbehörden müssen also abwägen, welche Höchstgeschwindigkeit allgemein oder für einen Streckenabschnitt festgesetzt werden. Auch hierbei spielt der statistische Wert eines Menschenlebens eine Rolle. Als die Höchstgeschwindigkeit auf amerikanischen Highways von 55 auf 65 Meilen angehoben wurde, stieg auch die Todesrate um ein Drittel. In der Gegenrechnung sparten die motorisierten Pendler jedoch 125.000 Stunden pro Todesopfer. Unterm Strich kostete der Kompromiss zwischen Zeitersparnis für die amerikanische Volkswirtschaft und erhöhtem Risiko für die Verkehrsteilnehmer 1,5 Millionen Dollar pro Menschenleben.

Man kann dieses Spiel sogar noch steigern: Die amerikanische Umweltbehörde veranschlagt derzeit 9,1 Millionen Dollar pro Menschenleben. Wieviel sind wir heute bereit zu investieren um unseren Planeten und Milliarden von Menschenleben in den nächsten 200 Jahren zu retten? Wieviel ist ein Menschenleben also wirklich wert? Bevor einem nun schwindelig wird, kann man auch in der Philosophie die Antwort suchen: Es ist unbezahlbar.

Andreas Fecker

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