Luftpost 274: Die gute alte Zeit

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Ein Bild aus glücklichen Kindertagen. Der Autor als Jüngster von fünf Kindern, aufgenommen 1954

Wahrscheinlich hat jeder, der im Arbeitsleben steht, die Situation schon erlebt: Die Tür geht auf, ein Rentner kommt herein, den zumindest das jüngere Personal nicht kennt. Man merkt aber dem Besucher die Erwartung an, dass zumindest die Älteren über den Besuch des ‚alten Kumpels‘ entzückt sein sollten. Bei genauerem Hinsehen wäre ihm vielleicht nicht entgangen, wie sie die Augen verdrehen, während sie ihm auf die Schulter klopfen. Er lässt sich allzugerne einen Kaffee aufdrängen, hält seine früheren Kollegen von der Arbeit ab, unterhält sich mit jedem, schwärmt von der guten alten Zeit, als alles noch so viel besser war als heute. Er schüttelt den Kopf über die Digitalisierung, hat kein Verständnis für Elektronik, Internet und Outsourcing. Wenn er dann endlich gegangen ist, fehlen schon mal ein paar Rollen Klopapier in der Toilette und die Tageszeitung aus dem Gemeinschaftsraum. Sind das Anzeichen des gesellschaftlichen Trends zu Vereinsamung und Altersarmut?

Die Welt ist schnelllebiger und oberflächlicher geworden. Es gab früher keine überzuckerten Fruchtzwerge, kein Schütteljoghurt, die Jüngsten trugen die Klamotten ihrer älteren Geschwister auf, die Schuhe an den Füßen waren schon acht Jahre alt und 16-mal beim Schuhmacher. Statt Handys gab es Telefonzellen, und statt Flatrate warf man 20 oder 30 Pfennig in den Schlitz. Das Taschengeld von den Eltern betrug 50 Pfennig in der Woche. Man hat für die Nachbarn Einkäufe nach Hause getragen und Kohlen geschleppt, frühmorgens um die Kirche Schnee geschippt und konnte so sein Taschengeld um zwei Mark aufbessern. Im Winter passierte das früher fast jeden Tag, selbstverständlich auch samstags und sonntags! Heute bringen viele ihren Hintern vor elf Uhr nicht aus dem Bett. Das erste Fahrrad gab’s mit 16, die Begriffe Urlaub, Mobbing oder Kinderarmut existierten noch nicht, in den Ferien fuhr man mit den Pfadfindern ins Zeltlager, statt Spielkonsole gab es den Wald, den Bach und den Bauernhof, statt Fernsehen gab es Bücher. Die Wehrpflicht war für die gesamte männliche Jugend da und dauerte 18 Monate. Wer wollte, konnte bei der Bundeswehr eine Karriere mitten im kalten Krieg machen.

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So. Nun bin ich 69, ebenfalls im Ruhestand und ich hatte mir geschworen, Heimsuchungen früher Arbeitsstellen zu unterlassen. Das ist mir bis auf wenige offizielle Einladungen gelungen. Dafür ertappe ich mich beim Blick auf unsere Bundeswehr immer wieder, wie ich die alten Zeiten verkläre, als Luftwaffe, Heer und Marine noch tausende von Jets, Hubschraubern und Transportern hatte, die auch tatsächlich flogen! Zwölf fliegende Verbände gab es zu meiner Zeit. Allein die Starfighter-Geschwader brachten es auf zwei Million Flugstunden, ein Wert, von dem unsere beiden Eurofighter-Verbände noch nicht einmal träumen dürfen. Wo derart gehobelt wurde, fielen auch Späne: 270 Abstürze, 116 tote Piloten hatte Deutschland zu beklagen. Wenn ich dem Nachwuchs in der militärischen oder zivilen Flugsicherung von diesen Zeiten erzähle, wissen die gar nicht wovon ich rede. Als 1991 der letzte Starfighter abgegeben wurde, waren die Fluglotsen von heute noch nicht einmal geboren. Also, was erzähle ich da von alten Zeiten? Von Tag- und Nachtschichten, von haarsträubenden Luftnotlagen, von brennenden Flugzeugen, Abstürzen und Schleudersitzausstiegen?

Loslassen, Andy. Nichts ist falsch an nostalgischen Gedanken und unterhaltsamen Anekdoten, aus denen man bisweilen noch etwas lernen kann. Aber heute konfrontieren wir eine andere Welt. Heute geht es um (a)soziale Medien und Sprachverlust, um Rohstoffe, Umwelt, Klima, Wetterkatastrophen, Fridays for Future, Demokratie, Rechtspopulismus, Bildungsnotstand, Gesundheit und Altersversorgung. Ein Buch über die Verdummung Deutschlands führt die Bestsellerliste an! Wir sorgen uns um Innere Sicherheit und globale Migration. Nachrichten und Informationen überschlagen sich im Minutentakt, Falschinformationen, manipulierte Videos und Verschwörungstheorien mittendrin. Wer nicht lernt, dazwischen zu unterscheiden, verliert die Orientierung oder resigniert. Das ist die Gegenwart. Die sprichwörtliche heile Welt von früher ist Geschichte. So war das aber schon immer. Das wusste schon Sokrates.

Andreas Fecker

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