Luftpost 269: Billig!

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Fliegen muss billiger werden! Fliegen ist jetzt schon zu billig! Unser Klima geht vor die Hunde und ihr fliegt noch immer als gäbe es kein Morgen! Wir fliegen zum Vergnügen auf Kosten unserer Kinder und Enkel. Argumente, die man inzwischen täglich in den Zeitungen liest und in den Nachrichten hört. Leider keine Fake News! Wir Deutsche sind Reise- und Urlaubsweltmeister. Aber nicht nur Deutschland boomt auf diesem Sektor. Die Zahl der weltweiten Flugreisen ist im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent auf 4,1 Milliarden Buchungen gestiegen. Da manche Menschen mehrfach fliegen oder gar über das Wochenende pendeln, sagt man besser, es wurden 4,1 Milliarden Tickets verkauft.

Das Verkehrsmittel Nummer Eins ist natürlich das Flugzeug. Wer logisch denken kann weiß, nur wenn Flugzeuge fliegen, verdienen sie Geld. Und wenn die Flugzeuge erst einmal abgeschrieben sind, ist auch die Gewinnspanne höher. Deshalb findet man immer wieder Maschinen, die 20 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. Wenn wir in eine weiß glänzende Boeing einsteigen, sehen wir kein Typenschild. Man lässt uns stets im Unklaren, was dieses Flugzeug schon alles hinter sich gebracht hat. Im nächsten Abschnitt steht der typische Lebenslauf einer peruanischen Boeing 737-500, deren Fahrwerk schließlich bei ihrer letzten Landung in La Paz, Bolivien, wegknickte. Er begann 1990 in Frankreich.

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Der Krug geht eben solange zum Brunnen bis er bricht. An die Situation angepasst würde das Sprichwort lauten: Das Fahrwerk knallt so oft auf die Piste bis es bricht. Eine neue Boeing 737-700 kostet ungefähr 80 Millionen Dollar. Eine beliebige „Boeing 737 Classic“ Baujahr 1991 ist heute für unter 1 Million US$ auf dem Gebrauchtflugzeugmarkt zu haben. Und ja, Flugzeuge unterliegen strenger behördlicher Überwachung. Aber würden Sie ein Auto kaufen, das zehn Vorbesitzer hatte, wenn es nicht gerade ein Oldtimer sein soll? Wie lange stand das Flugzeug schon in der Wüstensonne und hat auf einen Käufer gewartet? Wie lange wurde es in der Karibik bei „Coconut Airlines“ geflogen und war feuchter, salzhaltiger Luft ausgesetzt? Wie viele harte Landungen kamen auf zehn weiche? Wie viele Turbulenzen musste die Maschine im Laufe von 28 Jahren aushalten?

Materialermüdung bei einer alten Boeing 737 in Hawaii – Foto: gemeinfrei

1988 flog bei einer hawaiianischen Boeing 737 wegen Materialermüdung das Dach weg. Das Flugzeug war 19 Jahre alt und hatte fast 90.000 Starts und Landungen auf Kurzstreckenflügen zwischen den Hawaii-Inseln mit fast 35.500 Flugstunden absolviert Der ständige Druckwechsel in der Kabine trug erheblich zur Ermüdung bei. Die Piloten von Aloha Airlines konnten das Flugzeug sicher landen. Bei dem Zwischenfall starb eine Flugbegleiterin. Alle anderen Passagiere überlebten teilweise verletzt.

Nun haben wir eine Airline, die macht alles richtig. Statt auf alten Schrott zu setzen, investiert sie in das neueste Gerät, das Boeing zu bieten hat, die 737 Max 8. Sparsam, geräumig und mit großer Reichweite. Und dann passiert irgendwo in der Welt ein Unglück mit dieser nagelneuen Maschine, und bald darauf noch eins. Die Behörden grounden alle Flugzeuge dieses Typs für ein halbes Jahr. Weltweit. Damit ist die Flotte unserer Beispiel-Fluggesellschaft von heute auf morgen stillgelegt. Das bricht der Airline das Genick. Oder sie bedient sich – zumindest vorübergehend – auf dem Gebrauchtflugzeugmarkt. Oder sie least sich vorhandenes Gerät samt Crews zusammen. Und damit sind wir wieder am Anfang dieser Geschichte. Deshalb ist man gut beraten, nicht alle Flugzeuge bei nur einem Hersteller zu kaufen, sondern einen gesunden Typenmix zu fliegen. Man reduziert damit das Risiko.

Fliegen ist Vertrauenssache. Airlines werben um das Vertrauen der Kunden. Gelingt ihnen das nicht, werden die sich weigern, bei einer bestimmten Fluglinie zu buchen. Dann wird sie früher oder später vom Markt verschwinden. Auch wenn in manchen Teilen der Welt heute noch 70 Jahre alte DC-3 im Linienverkehr eingesetzt werden, die tadellos sicher sind, ist das nicht der Anspruch des breiten Publikums. Der Durchschnittskunde von heute will es neu und billig. Aber neue Flugzeuge kosten nun mal Geld. Dieses Geld ist zum Taxipreis nicht einzufliegen. Den logischen Schluss mag jeder selbst ziehen. Derweil verliert Boeing jeden Monat eine Milliarde Dollar!

Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 269: Billig!”

  1. Markus sagt:

    Hi Andy,

    mal wieder eine echte Gänsehaut. Ich bin früher schon gerne Bus gefahren, heute „fahre“ ich also gerne mit AIRbus. Bei jedem Boeing Flug fliegen immer gemischte Gefühle mit, gleichwohl ich ja weiss, dass das keine der betroffenen Maschinen sein kann. Dennoch; mulmig ist es schon. Da freue ich mich immer, wenn ich bei LH oder W6 meist einen Airbus treffe.
    Interessant fand ich auch die Historie der Peru-Maschine; da habe ich gleich eine Check-Liste welcher Carrier die alten Mühlen kauft und die Adria ist damit auch pasśe. Die reihe ich nun in meine No-Fly Liste direkt neben Ryanair ein.

    Schönes Wochenende,
    Markus

  2. Günther Nowitzke sagt:

    Hi Andy,
    Nachdem ich bei meinen letzten beiden Flügen, beim Betanken vor dem Start, das Kerosin stark riechen konnte (so wie Du es in einer früheren Luftpost beschrieben hattest) ziehe ich folgendes Resümee:
    Die teuren Flieger will ich nur ungern zahlen aber die Billigen kann ich inzwischen nicht mehr riechen!
    Gruß Günther

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