Luftpost 250: Sauerstoff

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Foto: Archiv Fecker

Soweit ich denken kann, heißt es in einem Notfall stets ‚Frauen und Kinder zuerst‘. Die einzige Ausnahme davon kenne ich von der Sicherheits-Demo an Bord von Passagierflugzeugen, wo ausdrücklich darauf hingewiesen wird, sich selbst zuerst die Maske aufzusetzen, bevor man anderen hilft. Was sich wie die egoistische Maxime einer Ellenbogengesellschaft anhört, hat aber einen ganz logischen Hintergrund.

Passagierflugzeuge, die auf Höhen von über 3000 Metern fliegen, besitzen eine Druckkabine, die das Atmen ermöglicht. Nach dem Start wird dort ein Luftdruck hergestellt, der etwa 2500 m über dem Meer entspricht. Dieser Druck wird beim Landeanflug nach und nach an den Luftdruck des Zielflughafens angepasst. Tritt nun in großer Höhe ein Sauerstoffleck oder eine plötzliche Dekompression auf, muss die Crew das Flugzeug – notfalls im Sturzflug – auf unter 3000 m Höhe bringen.

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Passiert das nicht schnell genug, würden die Menschen an Bord ohne atembaren Sauerstoff eine Hypoxie erleiden. Diese Sauerstoffunterversorgung führt in kurzer Zeit zu Bewusstseinstrübung, Muskelschwäche und Ohnmacht, kann also schnell lebensbedrohlich werden.

Die Effektive Selbstrettungszeit (Effective Performance Time EPT, oder Time Of Useful Consciousness TUC) hängt von der Reiseflughöhe ab, in der das Ereignis eintritt. Um aus Flugfläche 250 (25.000 Fuß oder 7600 m) wieder in atembare Umgebungsluft unter 3000 m zu kommen, hat man 3 bis 5 Minuten Zeit, bei Flugfläche 400 (12.200 m) verkürzt sich die Selbstrettungszeit auf 15 bis 20 Sekunden. Eine plötzliche Dekompression in großer Höhe verkürzt die Handlungszeit um etwa ein Drittel bis zur Hälfte.

Um diese Zeit zu nutzen gibt es die gelben Masken, die aus der Decke über den Sitzen fallen. Dieses System wird durch Sensoren in der Kabine automatisch ausgelöst. Klappen öffnen sich und plötzlich sind die Passagiere mit einer Situation konfrontiert, die wahrscheinlich noch keiner zuvor erlebt hatte. Gleichzeitig kommt Panik auf, was die Konfusion vergrößert. Dabei ist schnelles Handeln angesagt. Was hatte die Flugbegleiterin noch vor dem Start während der langweiligen Sicherheitsdemo gesagt? Man hat das doch schon hundertmal gesehen, aber trotzdem nie richtig zugehört.

1. Maske herunterziehen
2. Maske über Mund UND Nase platzieren
3. Maske mit Gummiband hinter dem Kopf fixieren, strammziehen und normal weiteratmen
4. Zuerst die eigene Maske aufsetzen, dann erst Kindern und anderen helfen

An der Maske ist auch ein Plastiksäckchen (Re-breather Bag) angebracht, das sich allerdings nicht füllen muss. Es ist dazu da, überschüssiges CO2 aufzunehmen und zurückzuführen. Das ist wichtig zu wissen, weil in der Vergangenheit manche Passagiere ihre Maske wieder ablegten, weil sie meinten sie würde nicht funktionieren. Die Sauerstoffversorgung muss laut Gesetz mindestens für zehn Minuten gewährleistet sein. In großen Höhen wird reiner Sauerstoff abgegeben. Ein Ventil regelt die Beimischung von Umgebungsluft, während das Flugzeug in tiefere Luftschichten sinkt. Die Anzahl der Masken muss um zehn Prozent höher sein, als die Anzahl der Sitze, um auch Kleinkinder versorgen zu können, die auf dem Schoß der Eltern sitzen. Die Masken werden natürlich auch bei Rauch oder Feuer an Bord benötigt.

Leitwerk der Helios Boeing in den Bergen Griechenlands – Foto: Hellenic Air Accident Investigation & Aviation Safety Board

Am 14. August 2005 schickte die griechische Luftverteidigung zwei F-16 zu einer Boeing 737 der Helios Airways, die auf dem Flug von Zypern nach Athen kontinuierlich auf 34.000 Fuß stieg, aber für die Flugsicherung über Funk nicht erreichbar war. Das Flugzeug war auf Autopilot, die Crew war ohnmächtig. Nach zweieinhalb Stunden war der Treibstoff zu Ende und die Maschine stürzte unweit der Ortschaft Marathon in den Boden. Keiner der 121 Menschen an Bord überlebte. Die wahrscheinliche Ursache war ein Schalter für die Sauerstoffversorgung des Cockpits, der statt auf Automatic auf Manuell stand. Beim Abarbeiten der Checkliste war dies übersehen worden.

Ich weiß, es ist nicht jedermanns Sache, und nach der Anreise zum Flughafen und nach dem langen Warten an der Security ist man froh, endlich im Flugzeug zu sitzen und die Augen schließen zu können. Aber ich finde es trotzdem repektlos, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, während die Flugbegleiter zum zehntausendsten Mal die stereotypen Bewegungen durchführen, das Öffnen und Schließen des Sicherheitsgurtes demonstrieren und getreu der Vorschriften das vermeintlich Selbstverständliche erklären müssen. Hören Sie zu, seien Sie aufmerksam, suchen Sie den Blickkontakt. Ein dankbares Lächeln wird Ihnen danach gewiß sein.

Andreas Fecker

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3 Antworten zu “Luftpost 250: Sauerstoff”

  1. Nando Spitznas sagt:

    Hallo, Andy,

    vor Jahren war ich häufiger mit der Deutschen BEA zwischen Tegel und Düsseldorf unterwegs.
    Bei einer Sicherheitsdemonstration ergänzte die Stewardess ihre Eingangssätze um „Passen Sie gut auf, Sie müssen anschließend einen Test darüber schreiben!“ Die Kolleginnen „kringelten sich“ aber außer mir schien niemand auf die Aussage geachtet zu haben, und auch die Stewardess, die ich später fragte, wann denn der Test geschrieben werde, hatte keine lustige Antwort parat.

    Gruß
    Nando

  2. Andreas Fecker sagt:

    Klasse! Und wer den Test nicht besteht, muss am Boden bleiben! Das sind die versteckten Fangfragen, mit denen man beweisen kann, dass da fast jeder weghört.

  3. Andreas Fecker sagt:

    Gerade ist mir eine Geschichte zu Ohren gekommen:
    Eine amerikanische Stewardess hat den Satz „Zuerst die eigene Maske aufsetzen, dann erst Kindern helfen“ etwas erweitert: „Wenn Sie mehr als ein Kind dabei haben, müssen Sie sich entscheiden, welches der Kinder mehr Potential hat.“

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