Luftpost 238: Mit der Tin Goose auf Neil Armstrongs Spuren

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Hildegard Werth, Wissenschaftsjournalistin – Foto: Werth

Während in diesen Tagen bei der Biennale in Venedig der Film „First Man“ mit Ryan Gosling den Weg Neil Armstrongs zur ersten Landung auf dem Mond nachzeichnet und ganz nebenbei den Pfad zur Oscar Nominierung beschreitet, ist die Wissenschaftsjournalisten Hildegard Werth nach Oshkosh gereist, um den Ursprung für Armstrongs Begeisterung für die Luft- und Raumfahrt nachzuerleben. Als Reporterin des ZDF hat sie 40 Jahre lang alle wichtigen Raumfahrtmissionen begleitet und von allen Raumfahrtzentren zwischen Französisch-Guayana und China, USA und Kasachstan berichtet. Ihre Moderationen und Reportagen wurden bei Phoenix, ZDF und 3Sat in Serien und Sondersendungen ausgestrahlt. Nach ihr ist der Asteroid 13559 1992RD1 Werth benannt. Für airportzentrale.de hat sie den folgenden Gastbeitrag geschrieben:

Sie ist 92 Jahre alt und zieht noch immer alle Blicke auf sich: die legendäre Ford TriMotor, auch bekannt unter ihrem Spitznamen Tin Goose (Blechgans), wegen ihrer charakteristischen Beplankung aus Wellblech. Erstmals zugelassen wurde die dreimotorige Maschine der Stout Metal Airplane Company, eines Tochterunternehmens der Ford Motor Company, im Jahr 1926 als Passagierflugzeug in verschiedenen Versionen von acht ( Ford 4 AT-A ) bis zu  siebzehn Sitzen ( Ford 5-AT ). Die Ford TriMotor wurde acht Jahre lang produziert, von 1926 bis 1933, und genau 199 Stück wurden ausgeliefert, die meisten als Verkehrsflugzeuge im Linienverkehr, der sich gerade entwickelte.

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Gleich zwei Maschinen dieses Typs boten auf der diesjährigen AirVenture in Oshkosh / Wisconsin Rundflüge an. 75 US Dollar kostet das Vergnügen, dafür erwarten einen etwa zwanzig Minuten Taxiing übers weitläufige Gelände der Airshow und acht Minuten in der Luft, in einem großen Bogen über Lake Michigan und die Küste.

Betankung der 92 Jahre alten Maschine zwischen den Flügen – Foto: Werth

Die Schlangen am Ticketschalter sind lang, die Wartezeit auch, aber auf dieses Erlebnis warte ich eigentlich schon, seit ich vor sechs Jahren eine Dokumentation über Neil Armstrong, den ersten Menschen auf dem Mond, gemacht habe. Denn in einer Ford TriMotor ist Neil Armstrong als Kind zum ersten Mal geflogen, ein Ereignis, das nicht nur in Neils Leben, sondern in der Geschichte der Menschheit dauerhafte Spuren hinterließ.

James R. Hansen benennt in seiner Armstrong-Biografie „First Man“ den 26. Juli 1936 als den Tag, an dem der kleine Neil zehn Tage vor seinem sechsten Geburtstag zum ersten Mal in ein Flugzeug stieg. Die Familie Armstrong lebte seinerzeit in Warren / Ohio, wo auf dem örtlichen Airport Rundflüge mit der damals wie heute aufsehenerregenden Ford TriMotor veranstaltet wurden. Eigentlich waren Vater und Sohn Armstrong auf dem Weg in die Sonntagsschule, aber weil die Tickets vormittags billiger waren als am Nachmittag, wurde der Plan spontan geändert. Für 25 Cent pro Nase machten die beiden einen Rundflug, der den jungen Neil so nachhaltig begeisterte, dass er beschloss, Flugzeugingenieur zu werden. Wurde er auch und noch viel mehr. Fast auf den Tag genau setzte er dreiunddreißig Jahre später nach einer makellosen Karriere als Ingenieur, Testpilot und schließlich Astronaut am 20. Juli 1969 als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond.

Die Ford TriMotor war im Jahr 1936 bereits seit zehn Jahren im Einsatz. Die Passagiere nahmen auf einfachen Korbstühlen Platz. Sogar der Name des Piloten ist überliefert, mit dem Neil Armstrong zum ersten Mal in die Luft ging: ein Mann namens Johnny Finta. Später berichtete Vater Stephen Armstrong in einem Fernsehinterview, das Flugzeug habe so geklappert, dass er sich zu Tode gefürchtet habe, aber Neil habe es Spaß gemacht.

Hildegard Werth vor der Ford Trimotor – Foto: Werth

Wie fühlt es sich also an, als Passagier auf Neil Armstrongs Spuren? Die Antwort: spektakulär! Von Todesangst keine Spur. Schon das Zuschauen macht Spaß, wenn die Piloten von einem Rundflug zurückkehren und die Maschine temperamentvoll mit einer rasanten Linkskurve einparken. Unsere Maschine ist Baujahr 1929, eine Ford 4-AT-E. Sie hat eine lange Karriere als Verkehrsflugzeug an der US-Ostküste, auf Kuba, in Zentral- und Südamerika hinter sich. In den 1940-er Jahren transportierte sie Feuerwehrleute, die Waldbrände bekämpften. Dazu musste die Einstiegstür vergrößert werden, damit die sog. smoke jumpers und ihr sperriges Equipment hindurch passten. Damals wurden auch die drei großen, unverkleideten Sternmotoren erneuert. Jedes Triebwerk liefert 450 PS. Der satte, unverwechselbare Sound weckt Vertrauen, und doch kann man sich als Laie kaum vorstellen, dass sich diese betagte Kiste gleich scheinbar federleicht in die Lüfte erheben wird.

Über ein Trittleiterchen klettern wir in die Kabine. Ich wähle den hintersten Sitz, um den Überblick zu haben. Während wir zur Startbahn rollen, habe ich Zeit, mir den Innenraum genauer anzuschauen. Die Korbsitze sind in den zurückliegenden Jahrzehnten ersetzt worden, aber auch die neuen Sitze haben mit einem gewohnten Flugzeugsessel nicht viel zu tun. Ein filigranes Gestell aus Alu, ovale Rückenlehnen, alles wirkt ein bisschen wackelig. Dafür ist die Aussicht grandios, dank der großen Fenster, zu vergleichen nur mit dem Panorama-Blick aus einem Zeppelin. Ich erwarte, dass die Maschine einen langen Anlauf braucht, bis sie abhebt, aber nach – gefühlt – 300 Metern ist sie schon in der Luft und hoch über dem See.

Verglichen mit einem Widebody heutiger Bauart beschränkten sich die Konstrukteure damals noch auf das Wesentliche – Foto: Werth

Die Ford TriMotor fliegt mit einer Reisegeschwindigkeit von 185 Kilometern pro Stunde. Das fühlt sich gemütlich an, und sicher, trotz des von innen etwas klapprig wirkenden Rumpfs und der Zugluft, die überall durch die Ritzen hereinkommt. Kaum zu glauben, dass genau diese Maschine 1973, am Boden stehend, von einer Sturmbö 30 Meter in die Höhe gerissen wurde und anschließend hart auf den Boden krachte. Sie zerbrach dabei in drei Teile – eigentlich ein Totalschaden.

Die Experimental Aircraft Association kaufte das Wrack und ließ es restaurieren. Das dauerte ganze zwölf Jahre. Danach stand sie sechs Jahre im Museum. Seit 1991 fliegt sie wieder auf Flugschauen, Runde um Runde, mit Dutzenden von Starts und Landungen jeden Tag. Ich bin gespannt, wie sich die Landung anfühlen wird mit dem starren Fahrwerk, das von groben Bolzen und Muttern zusammengehalten wird. Es rummst ganz schön, und ich halte den Atem an, als der Pilot die Maschine sogleich von der Landebahn weg quer über eine Wiese steuert, über Stock und Stein. Die Ford TriMotor ist robust und macht das mit.

Nach der Landung wird aufgetankt, und auch das ist sehenswert. Der Captain klettert mit einer Leiter auf die Maschine und stochert mit einer Stange im Tank, um den Füllstand zu messen. Dann ergreift er den Tankstutzen, der von Boden angereicht wird, und befüllt seine Tin Goose eigenhändig. Gut 1.000 l passen in den Tank, aber hier in Oshkosh, sagt man mir, tanken sie die Maschine nur teilweise auf, um Gewicht zu sparen und eine maximale Anzahl an Passagieren mitnehmen zu können.

Es ist schon fast ein Zeppelin-Feeling mit einer solch historischen Maschine zu fliegen – Foto: Werth

Es war ein Erlebnis, aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich die Sache mit dem Crash und den drei Teilen erst nach dem Flug gelesen habe. Vielleicht hätte ich mich sonst nicht getraut. Angemerkt hat man es der alten Dame, der Urahnin aller Verkehrsflugzeuge, aber nicht.

Hildegard Werth

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