Luftpost 236: Oshkosh Air Show

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Oshkosh liegt am Lake Winnebago in Wisconsin – Foto: Fecker

Seit ich 1974 in die Flugsicherung kam, war auf dem Tower immer wieder von der Oshkosh Air Show die Rede, jener sagenhaften Flugschau, die eine ganze Woche dauert, und bei der tausende von Flugzeugen einen verträumten Flughafen zum verkehrsreichsten Airport der Welt verwandeln. 64 Fluglotsen verrichten in dieser Woche ihren Dienst auf dem Tower und ermöglichen 17.000 Flugbewegungen, 123 Starts und Landungen pro Stunde. Schon damals, vor gut 45 Jahren und lange vor Internet und (a)sozialen Medien nahm ich mir vor, diesen Geschichten auf den Grund zu gehen. Meine Mitgliedschaft im Luftfahrtpresseclub gab mir in diesen Tagen die Gelegenheit dazu.

Der Unterschied zu Woodstock? No sex or drugs und niemand hat Blumen im Haar! – Foto: Fecker

Benannt ist die Stadt in Wisconsin mit 66.000 Einwohnern nach einem Indianerhäuptling, übersetzt bedeutet der Name „die Klaue“ oder „die Kralle“. Man könnte den Event auch „Woodstock in Oshkosh“ nennen. Oder ILA XXL. Tatsächlich reisen da zigtausend Piloten mit über 10.000 Flugzeugen zu einem Fachtreffen, das seinesgleichen sucht. Auf dem weitläufigen Flugfeld stehen tausende kleiner Zelte direkt neben dem eigenen Flugzeug. 40.000 Camper hausen darin. Nicht weit davon Batterien von Pixi Klos und Dutzende von Imbissbuden. Alle Hotels im Umkreis von 100 Meilen sind ausgebucht, obwohl sie ihre Preise verdoppelt oder verdreifacht haben, je nach Entfernung von Oshkosh. Derselbe Anblick setzt sich auf den umliegenden Flugplätzen fort, denn Wittman Field reicht bei weitem nicht aus, all die Flugzeuge aufzunehmen, die als Gäste, als Static Display oder bei Kunstflügen teilnehmen.

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Von Sonntag bis Sonntag fehlt es an nichts, was einen fliegerischen Event für die Besucher attraktiv macht – Foto: Fecker

Von der B-1 über fliegende Tanker, A-10, F-5, F-15, F-16 oder die F-117 ist viel dabei, was die USAF stolz macht. Auch historische Modelle von der Vought F4U Corsair über B-17, DC-3, DC-4 bis zur alten Phantom schneit alles herein, was in den Kriegen der letzten 100 Jahre Angst und Schrecken verbreitete. 3.000 Flugzeuge fliegen im Verlauf der Veranstaltung halsbrecherische Kunstflugfiguren, Massenüberflüge von Mustangs erinnern an (hoffentlich für immer) vergangene Zeiten. Sie fliegen in Formationen von 12, 16, 20 Maschinen, fächern auf, fliegen Scheinangriffe, bei denen meinen älteren Journalistenkollegen aus Deutschland das Blut in den Adern gefriert. Die beinahe monatlichen Evakuierungen nach Blindgängerfunden in deutschen Städten stehen dabei im krassen Kontrast zum Jubel der überwiegend amerikanischen Air Show Besucher.

Viel Kriegsgerät gab es zu sehen, Hautsache mindestens zwei Tragflächen – Foto: Fecker

Wie bei allen Luftfahrtschauen stellen natürlich auch Hersteller und Ausrüster seit Jahrzehnten in Oshkosh ihre neusten Produkte aus. 880 Firmen haben Pavillions und Infostände aufgebaut. Funk- und Navigationsgeräte, Flugzeuge aller Größen, Ultralights, Gurte, Overalls, Fliegerjacken, Fallschirme, Rettungsinseln, was immer man in einem Flugzeug mitnehmen könnte, machen Oshkosh zum Bazar für Flugbegeisterte. Daneben gibt es in einem Katalog 1.450 (!) Vorträge zur Auswahl, Präsentationen, Filme, Erfahrungsberichte, Workshops zu allen Luftfahrtthemen, Konferenzen und Fachtagungen von Luftfahrtverbänden und -behörden. Im vergangenen Jahr wurden diese von über 75.000 Besuchern genutzt. Hersteller von Kunststoffen erläutern ihre Fertigungstechniken, Softwarefirmen erklären ihre Computerlösungen, die NASA gibt Einblicke in die Zukunft der Raumfahrt. Dazwischen kann man Rundflüge mit Hubschraubern, einer B-17 oder der alten Ford TriMotor buchen. Eine Nachtshow mit 100 beleuchteten Drohnen gefolgt von einem Feuerwerk durften nicht fehlen. Spezialverlage verkaufen Bücher über jeden einzelnen Krieg, über jedes Waffensystem von Freund und Feind. Natürlich ist da sehr viel Material über die deutsche Luftwaffe aus den beiden Weltkriegen vorhanden.

Imbissbude in Woodstock – Bildquelle: Wikimedia gemeinfrei

In Woodstock wurde einst die Große Freiheit ausgelebt, es war ein Höhepunkt der Hippie-Bewegung der späten 1960er Jahre. Die Jugend protestierte gegen die bürgerliche Mittelschicht einer angepassten amerikanischen Gesellschaft. Ein bisschen davon brachten die Alt-68er auch nach Deutschland. Gesungen wurde damals das Mantra von Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare. Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare. Manchmal bis ins Delirium. Für den Weltfrieden auch gerne nackend.
In Oshkosh ist die große Freiheit offenbar angekommen, denn 20.000 Landeplätze und Kleinflughäfen quer durch die USA bieten 50 Jahre nach Woodstock jedem die Möglichkeit zu jedem Ort zu fliegen, sofern man sich einen fliegenden Untersatz leisten kann. Gesungen wurde in Oshkosh auch schon mal, die amerikanische Nationalhymne, züchtig bekleidet und mit der rechten Hand auf dem Herzen. Und beim letzten Satz „Land of the free and the home of the brave“ rauschte eine F-18 Hornet im Tiefflug über die Köpfe der begeisterten Besucher.
God bless America. And Germany. And the rest of the world!

Von Andreas Fecker

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