Luftpost 223: Die Heimkehr der Landshut

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Es war das Luftfahrt-Ereignis des Jahres 2017, und es gibt wohl keine Gazette, kein Magazin, keine Zeitung und keinen Fernsehsender, der nicht über die Heimkehr der Landshut aufgemacht hat. Lange davor gab es Artikel über den Lebenslauf der Maschine, nachdem sie die Lufthansa verkauft hatte. Fotos vom traurigen Dasein auf dem Flugzeugfriedhof von Fortalezza illustrierten die Beiträge. Die Diskussion entbrannte, wer die Maschine bekommt, in welchem Museum man sie ausstellen durfte. Schließlich bekam Friedrichshafen den Zuschlag. Dann wurde diskutiert, ob der Ankauf für zwei Millionen Dollar nicht zu teuer sei für so einen Schrotthaufen. Außenminister Gabriel setzte sich persönlich dafür ein. Der Event gab breitflächig Anlass, noch einmal über die Entführung zu berichten, die sich in 14 Tagen zum 40. Mal jährt. Man konnte an den heißen Herbst 1977 erinnern und die Antiterror-Einheit GSG-9 beleuchten. Zum Willkommensfest in Friedrichshafen lud das Dornier-Museum natürlich den damaligen Kopiloten Jürgen Vietor, die Stewardess Gabriele Dillmann und eine der Geiseln, Diana Müll ein.

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Die Ankunft der Landshut – Foto: Fecker

Es waren einprägsame Momente, als die Antonov An-124 auf das Vorfeld rollte. Für mich war der bewegendste Moment des Tages, nein des Jahres, als unter dem hochgeklappten Bug des Antonov-Giganten die Front der Landshut zu sehen war, die schwarzen Cockpitscheiben wie tote Augen. Das Flugzeug glich einem weidwund geschossenen Tier: Traurig, passiv, hilflos. Hier wartet ein stummer Zeuge von Hass, Niedertracht, Fanatismus, Demütigungen, Erschießungen, Drohungen, Ultimaten, Todesangst, Hilflosigkeit, katastrophalen hygienischen Zuständen, Hoffnung und Leid und nicht enden wollendem Horror, der in seinem Innern stattgefunden hat. ‚Hier bin ich wieder‘, schien es zu sagen, ‚ich kann nichts dafür, was geschehen ist. Aber macht etwas daraus!‘ Man könnte nun versuchen, die Traumata der 91 Menschen an Bord nachzuempfinden, von denen jeder seine eigene Geschichte erzählen kann, vom Horror, von Demütigungen, vom Gestank, von der Hitze, von Durst, Hunger und Todesangst. Die meisten von ihnen werden zehn Jahre und mehr gebraucht haben, diese fünf Tage dauernde Odyssee in die Ungewissheit zu verarbeiten, und so mancher wird noch heute daran leiden. Ich will mich auf eine Geschichte beschränken.

Diana Müll ist damals 19 Jahre alt, attraktiv, sie hatte gerade bei einem Schönheitswettbewerb eine Reise nach Mallorca gewonnen. Auf dem Rückflug wird die Maschine von Palästinensern entführt, zuerst nach Rom, dann nach Larnaca auf Zypern, dann nach Bahrain, dann nach Dubai, dann nach Aden und schließlich nach Mogadischu. Nächtliche Landeversuche in Beirut, Damaskus, Amman, Bagdad, Kuweit, Masirah und Rivan scheitern, die Behörden schließen die Flughäfen. Trotz Spritmangel untersagt auch Aden die Landung und versperrt die Piste mit Fahrzeugen. Käpten Schumann setzt die Maschine neben der Bahn auf. Er wird später vom Anführer der Terrorbande vor den Augen der Passagiere erschossen.

Als der somalische Unterhändler auf dem Tower in Mogadischu ein Auftanken der Maschine ablehnt, werden die Passagiere durchnummeriert. Der Anführer würde dann für die Erschießungen die Nummern aufrufen, Diana Müll ist Nummer Eins. Und als sich der Tower weiterhin weigert, ruft er das Mädchen nach vorne an die offene Tür. In der einen Hand hält der Anführer ein Mikrofon, mit der anderen hält er Diana die Pistole an die Schläfe. „Ich zähle von Zehn bis Null, dann stirbt Diana. Sie ist 19 Jahre alt.“ Bei Null angekommen schreit der Tower, „wir tanken auf!“

Ein Tankwagen fährt vor. Aber es findet sich im ganzen Mittleren Osten kein Land, das die Entführer und die Maschine aufnehmen will. Darauf beschließen die Terroristen, das Flugzeug an Ort und Stelle mitsamt allen Menschen an Bord zu sprengen. Sie übergießen die Passagiere mit Whiskey, Gin, Cognac und Wodka aus der Bordbar. Doch hinter und unter der Maschine wartet bereits die GSG-9, die der Landshut von Airport zu Airport gefolgt war. Um 00:05 stürmen die Beamten das Flugzeug. Blendgranaten desorientieren die Terroristen. Die menschenverachtenden Fanatiker werden erschossen eine von ihnen schwer verletzt. Keine Geisel kommt zu Schaden.

V.l.n.r. Kopilot Jürgen Vietor, Stewardess Gabi von Lützau (geb. Dillmann), Diana Müll, Aribert Martin (GSG-9) – Foto: Fecker

Nach der Entführung und dem Rummel fühlten sich die Opfer von Staat, Airline und Krankenkassen alleine gelassen. Beruflich und gesellschaftlich aus der Bahn geworfen mussten sie zusehen, wie sie das Geld für jahrelange Therapien zusammenkratzen konnten. Eine ältere Geisel sagte vor kurzem, ‚ein Tag, an dem ich nicht an die Landshut denke, ist ein guter Tag für mich.‘ Als die Ehrengäste nun in Friedrichshafen auf der Rampe vor der Karkasse der Landshut stehen, ruft Diana einen der angereisten GSG-9 Beamten von damals, Aribert Martin, zu sich hoch, umarmt ihn und drückt ihm einen herzhaften Kuss auf die Wange. Ein paar hundert Journalisten applaudieren. Die Landshut ist zurück. Sie ist zum Symbol geworden, dass man diesen Staat nicht erpressen kann.

Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 223: Die Heimkehr der Landshut”

  1. Ich finde es sehr gut, dass die Landshut geholt worden ist. Ein unverzichtbares Zeitdokument. Freue mich schon auf die Besichtigung. Schön, wenn sie dann wieder in alter Schönheit zu sehen ist. Dadurch dass sie sehr robust gebaut wurde, hat sie auch zum Überleben beigetragen.

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