Luftpost 221: Fünftausend Taler

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Foto: Bildarchiv Fecker

Albert Lortzing lässt den Baculus in seiner Oper Wildschütz singen:
„Fünftausend Taler! Fünftausend Taler! Träum‘ oder wach‘ ich?“
In dieser Lage mögen sich einige Passagiere der Swiss wiedergefunden haben, als es um den letzten Flug aus der Hölle von Miami ging. Hurrikan Irma hatte in den Tagen zuvor aus dem Inselparadies der östlichen und nördlichen Karibik Kleinholz gemacht. Der Gouverneur von Florida forderte sechs Millionen Bürger aus dem südlichen Florida zur Evakuierung, um nicht zu sagen zur Flucht auf.

Hurrikan Irma – Foto: NASA, Overlay Fecker

Fürsorglich holte auch das Management der Schweizer Fluggesellschaft Swiss seine ein Dutzend Angestellten in Miami für die Zeit der Flughafenschließung mit der letzten Maschine nach Zürich zurück. Allerdings hatte sie dafür sechs Plätze zu wenig. Alle Passagiere waren bereits eingecheckt, als der Gate Agent sein Anliegen vortrug. Er suchte sechs Freiwillige, die von dem Flug zurücktreten würden. Als Lockstoff bot er einen namhaften Geldbetrag, garantierte die Unterbringung in einem sturmsicheren Hotel für die kritische Zeit, sowie alle Transportkosten. Das Angebot erhöhte sich im Minutentakt. Als es dann vierstellig wurde, kam so mancher ins Grübeln. Nach einer Viertelstunde war man bei fünftausend Dollar. Da traten tatsächlich sechs mutige Passagiere zurück. Swiss versprach ihnen die Betreuung und einen frühest möglichen Rücktransport auf irgendeinem Weg. Alle Freiwilligen sind jetzt natürlich zurück in der Schweiz.

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Weshalb fiel mir da spontan die Lortzing-Oper ein? Zum einen leitet sich das Wort ‚Dollar‘ vom europäischen ‚Taler‘ ab. Zum anderen erzählte mir ein Fluglotse und Opernliebhaber vor etwa 50 Jahren eine Geschichte, die sich in der Premiere des Wildschütz am Bremer Theater zugetragen haben soll. Der Bariton, der den Baculus spielte, improvisierte seine Arie ganz im Sinne der Kunst etwas um: Fünftausend Taler! Fünftausend Taler! Träum‘ oder wach‘ ich? Zittre und zag‘ ich? Wein‘ oder lach‘ ich? Götter, was mach‘ ich? Dann trat er an den Bühnenrand und sang ins begeisterte Publikum: „Schmeiß‘ ich das Geld zum Fenster raus, oder baue ich Bremen ein neues Opernhaus?“ Gut möglich, dass Miami demnächst ein Vielfaches dieser Summe benötigen wird, um die Flutschäden an der Florida Grand Opera zu beseitigen. Der Komplex liegt nämlich gerade mal ein Meter über dem Meeresspiegel, dicht am Ufer des Atlantik. Der Wildschütz im nächsten Spielplan und ein aufgeweckter Bariton könnten da sicher etwas bewirken.

Andreas Fecker
… mit einem herzlichen Dankeschön an Friedhelm Littkowski, der mir einst diese Geschichte erzählt hatte.

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