Luftpost 215: Chapecoense

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Wenn kommenden Montag, am 7. August 2017 zwei Fußball Mannschaften in das Stadion von Barcelona einlaufen, dann wird das wahrscheinlich das Gänsehautspiel des Jahres. Barcelona trifft auf Chapecoense, das Team, das im vergangenen November auf der Anreise zum Endspiel der Copa Sudamericana mit einem Flugzeug abstürzte. 17 Spieler fanden den Tod. Nur sechs Sportler überlebten den Crash schwer verletzt. Einer davon steht jetzt wieder in der neu geformten Mannschaft, die in Barcelona aufläuft.

Die Copa Sudamericana der Vereinsmannschaften ist so etwas wie die Champions League in Europa. Für das Finale im kolumbianischen Medellín hatten sich die Clubs von Chapecó und Atlético Nacional qualifiziert. Es sollte am 29. November 2016 stattfinden. Doch zehn Meilen vor dem Zielflughafen ging der Avro RJ85 der Treibstoff aus, das Flugzeug stürzte ab, 71 Menschen fanden den Tod. Wie immer war das der Schlusspunkt einer Kette von Ereignissen und Versäumnissen, die sich aufaddierten.

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Die Airline
Die Línea Aérea Mérida Internacional de Aviación (LaMia) war eine bolivianische Charterfluggesellschaft, die erst am 1. Januar 2016 den Betrieb mit zwei Avros aufgenommen hatte. Sie spezialisierte sich schnell darauf, Sportmannschaften zu ihren Wettkämpfen oder Spielen auf dem südamerikanischen Kontinent zu befördern. Später kam heraus, dass der Eigentümer der Airline und sein Sohn in behördliche Unregelmäßigkeiten verstrickt waren. Außerdem hatte das Flugzeug zum Zeitpunkt des Unfalls keine gültige Versicherung. LaMia stellte zum Jahresende 2016 ihren Dienst wieder ein. Von den acht Mitarbeitern sind drei in Haft, der Rest ist flüchtig und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Die brasilianische Luftfahrtbehörde
Der Wunsch des Vereins, von São Paulo mit LaMia direkt nach Medellín zu fliegen, wurde von der brasilianischen Luftfahrtbehörde ANAC verweigert. Für einen Direktflug müsse die Airline entweder in Brasilien oder in Kolumbien ihren Sitz haben. Da es bilaterale Absprachen zwischen den beiden Ländern gäbe, käme ein Direktflug mit der Airline eines Drittlandes (Bolivien) nicht in Frage, selbst wenn die 7. Freiheit der Luft dies vorsieht. Da LaMia aber dem Club einen guten Preis gemacht hatte, beschloss der Vorstand, mit einem Linienflug ins bolivianische Santa Cruz zu fliegen und von dort mit LaMia nach Medellín weiterzureisen.

Die bolivianische Luftfahrtbehörde
Im Rahmen der Flugunfalluntersuchung wurde bekannt, dass der Pilot bei der Vergabe der Musterzulassung nicht die erforderliche minimale Stundenzahl hatte. Dies war der Behörde bekannt. Der Leiter der Zulassungsbehörde war der Sohn des General Managers von LaMia. Auch er landete daraufhin im Gefängnis.

Reise in den Tod. Der kleine Umweg über Cobija wäre notwendig gewesen. Stattdessen ging die Crew auf volles Risiko. – Zeichnung Phoenix7777 bei Wikimedia Commons

Die Flugroute
Da die Strecke von Santa Cruz bis Medellín für einen Nonstopflug knapp über der Reichweite der Avro ist, war ein Tankstopp in Cobija vorgesehen. Cobija schließt jedoch eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Wegen einer Verzögerung beim Start in Santa Cruz entschloss sich der Käpten, direkt durchzufliegen. Sollte der Sprit nicht reichen, hätte er in Bogotá noch einmal auftanken können. In der Nähe von Bogotá erörterte die Crew tatsächlich den Tankstopp, entschloss sich jedoch, die letzten 125 Meilen nach Medellín durchzufliegen.

Anflug
Vielleicht hätte es LaMia Flug 2933 auch noch bis auf die Piste geschafft, wäre da nicht ein anderes Flugzeug mit Verdacht auf ein Treibstoffleck im Anflug gewesen. Dessen Pilot hatte rechtzeitig Luftnotlage erklärt und erhielt deshalb Vorrangbehandlung. Die LaMia war aber bereits kriminell weit in die Reserve gegangen, weshalb der Käpten den Ernst seiner Notlage verschwieg. Stattdessen musste er sogar noch Warteschleifen fliegen. Als es dann zu spät war und er Luftnotlage erklärte und um Hilfe und sofortige Landung bat, war er noch 10 Meilen von der Piste weg. Die Triebwerke blieben stehen, die Maschine stürzte ab.

Sport
Wegen der Tragik des Unfalls verzichtete die Mannschaft von Medellin auf das Spiel. Chapecoense wurde der Sieg im Rahmen einer Trauerfeier zugesprochen und zum Gewinner der Copa Sudamericana erklärt. Chapecó erhielt auch die 2 Mio Dollar Preisgeld.

Die Schuldfrage
Der Käpten, zufällig Miteigner der Airline, war ein unverantwortliches Risiko eingegangen. Im Nachgang wurde auch aufgedeckt, dass die Airline bei mindestens acht ähnlichen Gelegenheiten mit weit weniger Reservetreibstoff als vorgeschrieben gelandet war. In diesem Fall war das Flugzeug auch noch mit 400 kg überladen. Der verspätete Start in Santa Cruz kam übrigens deshalb zustande, weil einer der Spieler noch darauf bestand, ein Videospiel aus seinem Koffer zu holen, der bereits verladen war.

Von Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 215: Chapecoense”

  1. Joe sagt:

    Einfach fassungslos! Wie korrupt können Menschen noch werden? Wie viel Sicherheitsmaßnahmen kann man noch unterschreiten?

  2. Andreas Fecker sagt:

    Der FC Barcelona hat 5:0 gewonnen. Als Ruschel in der 35. Minute ausgewechselt wurde, erhoben sich die fast 100.000 Zuschauer im Stadion und spendeten zusammen mit allen Spielern stehend Applaus! Die neue Mannschaft des Südamerikameisters wird sicher noch zusammenwachsen müssen. Dank an Barça, die Mannschaft von Chapecó einzuladen. Das war eine tolle Geste.

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