Luftpost 205: Lange Tage in Korea

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Im Humanoid Robot Research Center der Technischen Hochschule in Daejeon – Foto: LPC

In Südkorea scheint der Tag 35 Stunden zu haben, die Woche gar zehn Tage. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man versucht, den dicht getakteten Stundenplan eines Koreaners zu begleiten, sei er nun Wissenschaftler, Student, Kellner oder Bauarbeiter. Das Land scheint außer Atem zu sein, bestrebt, den Anschluss an die Weltspitze nicht zu verlieren. Elektronische Steuerungen ermöglichen eine hohe Schlagzahl, vom intelligenten Verkehrssystem über die führerlosen Metrozüge zwischen Seoul und dem Megaflughafen Incheon, Stauanzeigen für überfüllte Stadtautobahnen, berührungsfreie Bezahlsysteme vom Supermarkt bis zur Restaurantkasse. Elektronische Zugangskontrollen an den Bahnhöfen vermeiden einerseits Schwarzfahrten, andererseits unnötige Staus. Die elektronischen Duschtoiletten mit Sitzheizung, Warmwasser und Warmlufttrockner sind allgegenwärtige Selbstverständlichkeiten.

Bei einem Informationsbesuch der deutschen Luft- und Raumfahrtpresse bei den Leistungsträgern der koreanischen Luftfahrtindustrie erhielt man den Eindruck, dass für die nächsten 25 Jahre an einem ambitionierten Raumfahrtprogramm gearbeitet wird. Eigene Trägersysteme sollen eigene Satelliten ins All bringen, zur Analyse des Wetters, Ertragssteigerung der Landwirtschaft, Verbesserung der Navigation, und ganz bestimmt auch zur Verteidigung des Landes gegen die latente Gefahr aus dem Norden. Bereits jetzt ergänzen koreanische Erdbeobachtungssatelliten das weltweite Netz der künstlichen Augen am Himmel. Ergänzend dazu werden Drohnen verschiedener Größe entwickelt. Mit einem dieser Satelliten wurde auch ein Tunnel entdeckt, der von Nordkorea unter der Grenze hindurchgetrieben wurde.

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Für Männer herrscht Wehrpflicht in dem geteilten Staat, im Süden zwei Jahre, im Norden zehn Jahre. Es scheint so zu sein, dass diese militärische Erziehung, dass der tägliche Drill einen prägenden Einfluss auf den Alltag mit seiner hohen Schlagzahl hat. Ein Besuch bei KAIST, der Technischen Hochschule mit Schwerpunkten in Robotik, Bioengineering, Luft- und Raumfahrt verdeutlichte das. Der Rektor begrüßt, stellt pro Fakultät einen Professor vor. Er oder sie hält einen Vortrag, kurz, locker, freundlich, professionell. Zu Nachfragen wird man nicht aufgefordert, damit verplempert man keine Zeit. Die können dann in der Mittagspause beim gemeinsamen Essen in der Mensa gestellt werden. Ein deutscher Masters-Student erzählt, dass er 50 Stunden in der Woche an der Uni verbringt. Er teilt seine 16m² Studentenbude mit einem Kommilitonen, aber hierher kommt er sowieso nur zum Schlafen. Er verbringt sechs Tage die Woche in Labors und Hörsälen und ist überzeugt, dass dies bereits jetzt sein Leben geprägt hat.

Auffallend sind nicht nur fehlende Graffitis oder heruntergekommene Schulen. Im Stadtbild vermisst man auch die stummen Zeugen der Stadtflucht, aufgegebene Geschäfte oder gähnend leere Häuserfassaden. Vielmehr spürt man allerorts Aufbruchstimmung mit einem Hang zur Perfektion und dem spürbaren Wunsch nach beispielhafter Ästhetik. Da ist die Sauberkeit trotz fehlender Mülltonnen eine geradezu staatstragende Selbstverständlichkeit.

Das oberste Ziel verliert auch die neue Regierung in Seoul offiziell nicht aus den Augen: Die Wiedervereinigung. Es gibt sogar ein eigenes Ministerium dafür. Auch wenn die Situation nicht mit der in Deutschland vergleichbar ist, bewundert man den friedlichen Prozess, wie er bei uns verlief. Denn insgeheim fürchten die Südkoreaner die gewaltigen finanziellen Lasten, die ein solcher Schritt bedeuten würde. Das hart erarbeitete Wirtschaftswunder wäre dann womöglich in Gefahr. Außerdem haben sich die Sprachen voneinander entfernt. Koreaner haben auch nicht die Zeit, sich mit Innen- oder Außenpolitik umfassend zu beschäftigen. Man lebt doch schon so lange mit der Gefahr aus dem Norden. Es wird schon nichts passieren.

Von Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 205: Lange Tage in Korea”

  1. Günther Nowitzke sagt:

    Hallo Andy,
    Wie immer eine interessante Luftpost!
    Hast Du noch ein wenig mehr Info über diesen Tunnel ?

    • Andreas Fecker sagt:

      Ja. Ich war unten. Es ist einer von mehreren Angriffstunnels, die bisher entdeckt wurden. Ein langer, abschüssiger Stollen führt über eine Strecke von etwa 250 m hinab. Der Tunnel selbst ist 1600 m lang, verläuft 73 m unter der DMZ bei Panmunjom, hat eine Höhe von 1,60 bis 1,90 m und ist breit genug, pro Stunde 30.000 Soldaten mit Waffen durchzuschleusen. Natürlich ist er zugemauert und videoüberwacht. Man befürchtet, dass es bis zu 20 weitere solche Invasionsröhren auf der gesamten Breite der Halbinsel gibt. Spezialeinheiten von Militär und Geologen suchen danach.