Luftpost 197: Die Klodeckelkontroverse

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Foto: Bildarchiv Fecker

Wir Steuerzahler haben längst festgestellt, dass man es in manchen Ministerien nicht ganz so genau nimmt mit der Sparsamkeit. Besonders die Rüstungsindustrie ist sich dessen bewusst und langt bei den Stückpreisen von Komplettsystemen und Ersatzteilen entsprechend zu. Sie wissen genau, die Entscheider entscheiden nicht über das Geld in ihrem eigenen Geldbeutel, sondern über einen Etat, der ja sowieso bereits genehmigt ist. Wir in Deutschland haben dafür den Bundesrechnungshof, der in seinem Schwarzbuch diese Fehlausgaben zusammenträgt. Danke dafür.

Wenn mein Freund Adalbert Fürchtegott Obermoser von seiner Hintermoos-Alm herabsteigt, um bei Tante Emma eine Schachtel Reißzwecken zu kaufen, dann kostet diese vielleicht 2 Euro. Damit kann er endlich die lustige Geburtstagskarte von der Vreni von der Vordermoos-Alm an die Wand seiner Hütte stecken. Es gibt aber  Staaten, die für die Bestellung von Reißzwecken pro Schachtel noch eine Null anhängen müssen. Die sind dann allerdings erschütterungserprobt, antimagnetisch, rostfrei, nicht reflektierend, tarnfarben  und atombombensicher. Denn wenn die mittlerweile vergilbte Postkarte vom Vreneli nach einem Jahr herabfällt, ist das nicht weiter schlimm. Wenn aber ein militärischer Schlachtplan von der Wand fällt, könnte man die Schlacht verlieren, vielleicht sogar einen ganzen Krieg!

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Auch die Amerikaner haben ihre Kosten-Controller. Und die gingen in den 1980 Jahren mal ins Detail. Sie nahmen sich die unübersichtlichen Ausgaben für neue Flugzeuge Posten für Posten vor, eine Sträflingsarbeit, zu der sich kein Haushälter in einem Beschaffungsdezernat jemals herabgelassen hätte. Da fiel den Rechnungsprüfern zum Beispiel die kritiklose Erstattung von luftfahrtsicheren Sechskantmuttern auf, die dem Pentagon zum Stückpreis von 2043 Dollar angedreht wurden. Oder ein Schraubendreher für 285 Dollar. Was immer das Pentagon bezahlte, kostete das Zehnfache eines identischen Artikels im Baumarkt an der Ecke. Da gab es einen Kaffeebereiter für die Bordküche für 7600 Dollar! Natürlich mit Turbulenzsicherung, wärmeisoliert und mit Notabschaltautomatik.

Die amerikanische Presse aalte sich in Sarkasmus. Besonders der Lokusdeckel für die Bordtoiletten in der C-5 Galaxy hatte es ihr angetan. Die Air Force hatte die vergleichsweise hohen Kosten mit der Entwicklung und der geringen Stückzahl bei Lockheed entschuldigt. Außerdem kosteten vergleichbare Klodeckel bei Boeing 2000 $, bei McDonnell Douglas gar 9000 $. Lockheed hingegen verlangte nur 640 Dollar! Ein Schnäppchenpreis also. Daraufhin hagelte es Vorschläge aus allen Teilen der USA: Warum nicht einen Deckel beim führenden Toilettenhersteller Kimberly-Clark kaufen? Die verstünden etwas von Klodeckeln und man könne sich die Entwicklungskosten sparen. Millionen von Amerikanern haben ihn nämlich schon erfolgreich getestet. Und Kimberly-Clark sei bestimmt nicht erpicht darauf, Flugzeuge drum herum zu bauen, und deren Entwicklungskosten dem Pentagon in Rechnung zu stellen.

Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 197: Die Klodeckelkontroverse”

  1. Markus sagt:

    Hi Andy,

    Du verleihst dem Begriff reverse-engineering eine ganz neue Bedeutung. 🙂
    Erstklassiger Schmunzler zum Wochenende!

    Vielen Dank!

    Grüße!
    Markus
    (Dauerleser)

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