Luftpost 190: Holz und Gebläse

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Andreas Fecker

Sind Sie Vater einer Familie mit Frau und … sagen wir mal drei Töchtern? Stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie planten eine dreiwöchige Flugreise für fünf Personen nach Kalifornien. Genügen fünf Koffer? Fein. Und nun stellen Sie sich vor, Sie müssten die Konzertreise eines ganzen Symphonieorchesters dorthin organisieren. Die Stradivari-Geige mag ja noch als Handgepäck durchgehen, Taktstock, Triangel und Piccolo-Flöte auch, aber, „liebes Fräulein, würden Sie Ihr Cello bitte unter den Vordersitz schieben?“ Spätestens jetzt wird klar, hier geht es um mehr, als vier Strandkleider und acht Bikinis einzupacken. Wenn ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker auf Konzertreise geht, dann reden wir von ca. 130 Musikern und etwa zehn Personen des Managements.

Berliner Philharmoniker – Foto: Presse Berliner Philharmoniker / Stefan Höderath

Für eine dreiwöchige Tournee durch einen anderen Kontinent beginnt die Organisation schon zwei Jahre vorher. Mit Ausnahme des Konzertflügels, der auf den Gastbühnen sowieso vorhanden ist, verlassen sich die großen Orchester niemals auf geliehene Instrumente vor Ort. Jeder Musiker kennt sein eigenes Instrument am besten, selbst Harfen oder Celesten werden deshalb eingepackt. Entscheidet man sich für ein großes Charterflugzeug, fliegt die Fracht gleich unten mit. Wird auf Linienflüge oder kleinere Chartermaschinen zurückgegriffen, reisen die Instrumente möglichst noch am selben Tag per Luftfracht, höchstens aber zwei Tage vorher.

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Vor dem Konzert steht eine ausgeklügelte, komplizierte Logistik – Foto: Presse Berliner Philharmoniker / Stefan Höderath

Die gesamte Fracht steckt in orchestereigenen, gut isolierten Transportbehältern. Mit Kontrabässen, Harfen und Kesselpauken kommen da schnell mal 120 Kubikmeter an Fracht mit einem Gewicht von 10 Tonnen und einen Wert von mehreren Millionen Euro zusammen. Selbst die Konzertgarderobe wird nicht etwa in den eigenen Koffer gequetscht, sondern reist mit den Instrumenten in eigenen Kleiderbehältern mit. Die zollrechtliche Behandlung erfolgt über das Carnet-Verfahren. Die Liste der Instrumente wird bei der Ausfuhrzollstelle beglaubigt und im Zielland vom Einfuhrzollamt stichprobenartig geprüft. Dasselbe geschieht bei der Rückreise. So müssen keine Sicherheitsabgaben hinterlegt werden. Da in einem Leistungsorchester von Weltrang gewöhnlich auch ausländische Musiker spielen, überwacht eine eigene Abteilung im Management die Gültigkeit von Pässen, Visa und bei Bedarf besonderen Genehmigungen. Nach dem jüngsten Trump-Erlass zur Verschärfung der Einreisebestimmungen ist das aktuell wie nie zuvor.

Jeder Gitarrist weiß, dass sich die Stimmung seiner Gitarre in der ersten halben Stunde ständig verändern wird, wenn er sie durch die winterliche Kälte zum Unterricht oder zur Probe getragen hat. Um wieviel wichtiger wird es da wohl sein, dass man den empfindlichen Klangkörpern eines Orchesters eine angemessene Zeit zwischen Ankunft in einer anderen Klimazone und dem ersten Konzert geben muss? Besonders die Streich- und Blasinstrumente bestehen ja aus unterschiedlichen Hölzern. In einer Violine vereinigen sich zum Beispiel Bergahorn, Ebenholz und Bergfichte; in einer Harfe werden Weichhölzer wie Haselfichte, kanadische Rot-Zeder oder Sitka Spruce verbaut. In der Klarinette stecken Buchsbaum, Cocobolo, Grenadill und Mopane, Fagotte sind meist aus Ahornholz. Temperaturwechsel oder Luftfeuchtigkeit können den leidenschaftlichen Klang verändern, in den die Instrumentenbauer einst ihr ganzes Können legten, und welcher dann meist auch den Preisunterschied begründet. Schlecht temperierte Instrumente können den Eindruck eines ganzen Symphoniekonzerts verändern, weil eben der kosmische Klang nicht vermittelt wird, für den so ein Spitzenorchester berühmt ist.

Austrian Airlines widmete eine A340 den Wiener Philharmonikern – Foto: AUA

Je extremer das Klima, um so straffer wird die Planung sein. Für ein Konzert in Doha (Qatar) forderten die Wiener Philharmoniker von der Logistikfirma DB Schenker klimatisierte Spezialbehälter. Vom Flughafen wurden die empfindlichen Instrumente sofort nach der Landung in thermoisolierte Lkw verladen und bei maximal 23 Grad Celsius direkt in das Auditorium gebracht. Die Orchesterwarte stellten sie dann auf der Hinterbühne ähnlich der Konzert-Anordnung auf. So konnte sogar im engen Zeitrahmen noch eine Anspielprobe vor Konzertbeginn stattfinden.

Also, geschätzte Familienväter, habt Nachsicht mit euren Damen, wenn sie mal einen Koffer mehr brauchen. Diese Herausforderung schafft ihr doch mit links!

Von Andreas Fecker

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