LUFTPOST 19: Farzana

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Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

In der vergangenen Woche jährte sich zum 13. Mal ein Flugzeugunglück, das auf dramatische Weise eine der sichersten Airlines der Welt heimsuchte.

Es war der erste Langstreckenflug der 18-jährigen Flugbegleiterin Farzana Abdul Razak von Singapore Airlines. Sie hatte ihre Ausbildung beendet und trug stolz den Kebaya, jene weltweit berühmt gewordene Uniform ihrer Airline. Vier Monate lang war sie auf Strecken in Südostasien eingesetzt. Heute, am 31. Oktober 2000 sollte sie zum ersten Mal nach Amerika fliegen. Von Singapur über Taipeh nach Los Angeles. Bei der Zwischenlandung in Taipeh war die Hölle los, gegen Mitternacht wurde der Taifun „Xangsane“ erwartet, der einen Start unmöglich machen würde. Das Boarding der Zusteiger verlief hastig, die 17 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter hatten alle Hände voll zu tun bis alle 159 Passagiere auf ihren Plätzen saßen und angeschnallt waren.

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Um 23:12 verließ die Boeing 747-400 das Gate. Um 23:15 erhielt die Cockpit Crew die aktuelle Information für die Piste 05L, 450m Sicht, Wind aus 020 Grad mit 28 Knoten, Böen mit 50 Knoten. Xangsane schickte seine Botschaft voraus. Farzana hatte ihren Verantwortungsbereich für den Start klar gemacht und saß angeschnallt neben der vorletzten Türe in der letzten Sektion des Jumbos. Sie freute sich auf Los Angeles, sie freute sich über ihren Job, sie freute sich, dass sie zu der auserlesenen Schar der Singapore Girls gehörte, sie freute sich, dass sie ihre Familie stolz machte. Dass auf dem Chiang Kai Check Airport in Taipeh die Piste 05R wegen Sanierungsarbeiten gesperrt war, dass die Sicht schlechter wurde, dass der Regen auf das Flugzeug prasselte, dass die Rollwegbefeuerung teilweise ausgefallen war, dass der Asphalt rutschig war, dass die gesperrte Piste teilweise erleuchtet war, all das brauchte sie nicht zu interessieren.

Die Piloten tappten in ihrer Eile in die Falle und stellten sich auf der 05R zum Start auf, statt über sie hinweg zur 05L zu rollen. Um 23:17 Ortszeit schob der Käpten die Leistungshebel nach vorne, SQ 006 war unterwegs nach Los Angeles. 33 Sekunden später krachte das Flugzeug mit einer Geschwindigkeit von 158 Knoten in einen Maschinenpark von Bulldozern, Baggern, Kompressoren und Metallplanken. Das Flugzeug wurde in mehrere Teile zerrissen, 124.800 Kilogramm Kerosin fingen Feuer, 79 Passagiere starben, 35 wurden schwer verletzt.

Farzana war durch die gewaltigen Schläge jäh aus ihrer glücklichen Welt gerissen worden. Gepäck prasselte aus den Overhead Bins, Sauerstoffmasken fielen von der Decke. Als das abgerissene Heck zum Stillstand kam und der Gestank von Kerosin und giftigem Rauch in den Passagierraum drang, versuchte sie die Türe zu öffnen. Doch sie klemmte, die Notrutsche blies sich nach innen auf, drohte sie und ihre Kollegin zu erdrücken. Sie arbeitete sich darunter hervor, zur gegenüberliegenden Tür. Die stand offen, aber der Sturm hatte die Notrutsche weggerissen. Eine Flucht nach vorne war unmöglich, das Heck war abgetrennt. Scharfkantiges Aluminium hing aus der Abrisskante. Farzana suchte und fand einen Weg, die Passagiere aus dem brennenden Wrack auf festen Boden zu helfen. Immer wieder kletterte sie zurück in die brennende, qualmende, pechschwarze Hölle, wo hilflose ältere Menschen schreiend in ihren Gurten hingen. Sie ertastete die Gurtverschlüsse und barg einen nach dem anderen. Längst waren ihre Seidenslipper zerrissen, barfuß ging sie immer wieder zurück über das scharfkantige Metall, bis endlich die Feuerwehr kam und sie und den Rest der Passagiere aus dem Flugzeug holte.

Alle 45 Menschen in Farzanas Verantwortungsbereich überlebten, 18 davon mit schweren Verletzungen. Farzana wurde ins Krankenhaus gebracht. Über 40% ihrer Haut waren verbrannt. Ihre Lunge war schwer angegriffen, Ihr Gesicht entstellt. Obwohl ihr ganzer Körper schmerzte, dass sie sich die Augen ausweinte, war sie voller Hoffnung, eines Tages wieder fliegen zu können. Sie entschuldigte sich sogar auf einem Blatt Papier, dass sie ihren Liebsten so viele Sorgen machte. Farzana geriet zur Heldin von Singapur, drei Millionen Menschen waren von ihrer heldenhaften Einstellung berührt. Ihr dick bandagiertes Gesicht, wurde zum Symbol dieser Katastrophe. Zwei Monate lang war sie auf verschiedenen Intensivstationen. Die junge Frau musste unzählige Hauttransplantationen über sich ergehen lassen. Die Airline brachte sie zu den besten Spezialisten der Welt. Ich habe sie vor drei Jahren in Kuala Lumpur kennengelernt. Sie musste weg aus Singapur, weil sie sich dort wie ein Goldfisch im Glas fühlte. Der Umzug war Teil ihrer Therapie. Sie ist mittlerweile verheiratet und hat Kinder. Ihr Gesicht ist wieder hergestellt. Den Rest ihres Körpers trägt sie verdeckt, auch ihre Hände. Sie ist ein lebendes Beispiel, wie man ein so einschneidendes Erlebnis verarbeiten kann. Sie kann über den Unfall sprechen, ohne Flashbacks zu kriegen, sicher auch ein Erfolg der Psychologen, die mit ihr arbeiteten.

Als Flugbegleiterin wird sie nie wieder an Bord gehen, aber Flugangst hat sie keine. Farzana Abdul Razak ist eine starke Frau, ein Beispiel, wie selbst junge Menschen über sich hinauswachsen können, wenn sie von einer Sekunde auf die andere gefordert werden. Ein gewisser Schiffskapitän aus Italien könnte sich eine dicke Scheibe von diesem Verhalten abschneiden. Singapore Airlines stattete daraufhin ihre Stewardessen mit Kevlar-verstärkten Schuhen aus, die sie bei Start und Landung tragen müssen. Der Unfall selbst ist aber auch ein Beispiel dafür, wie unverhofft und plötzlich ein Ereignis eintreten kann, das ein ganzes Leben verändert.

von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “LUFTPOST 19: Farzana”

  1. Frank Schüler sagt:

    Danke Andy! Ein sehr bewegendes Beispiel dafür, dass Flugbegleiter das Leben jedes einzelnen Passagiers beschützen und eben nicht nur “Saftschubsen“ sind, wie die meisten Luftfahrtlaien denken! Ich hoffe, dass die Airlines diese Unfälle als Lehrmaterial verwenden. Im Ernstfall vertrauen wir den Damen und Herren in der Kabine unser Leben an. In einer Zeit der Leiharbeit und Personaldienstleistungen, der schlechten Bezahlung und der Arbeitszeitverlängerung sollte man eben nicht nur an Profit und Effizienz denken, sondern an die Sicherheit der Passagiere. Schließlich zahlen diese mit dem Kauf eines Tickets auch die Gehälter der Manager, die am Liebsten das leidige Thema Sicherheit und dessen hohe Kosten gern ignorieren möchten, um den Aktionären eine höhere Rendite ausbezahlen zu können.