Luftpost 187: Schnee

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Andreas Fecker

Jahr für Jahr wünschen wir uns weiße Weihnachten. Da schlägt dann die Stunde der Winterdienste. Schnee. Was ist das überhaupt? Zu Kristallen gefrorener Niederschlag, feinste Tröpfchen unterkühlter Feuchtigkeit, bei Wolkentemperaturen unter Minus 12 Grad Celsius, an winzigen Staubteilchen angelagert. Obwohl federleicht, fallen die Flocken durch das zunehmende Gewicht zur Erde, mag der Mensch zusehen, wie er mit diesem Niederschlag fertig wird.

Denn was da im Laufe der Nacht auf einem Flughafen mit 400.000 Quadratmetern pro Piste zusammenkommt, muss weg, bevor die ersten Flugzeuge am Morgen rollen. Natürlich auch die ebenso langen Rollwege, Kreuzungen und Querverbindungen. Und es wird während des Flugbetriebs weiter geräumt, bis zum letzten Start bzw. zur letzten Landung. Aber auch nach Flugbetriebsende ist kein Feierabend in Sicht, schon gar nicht wenn es weiterschneit. Gibt es dann Verspätungen, versuchen länderübergreifend Klugscheißer in den Familien, im Büro, an der Werkbank und an Stammtischen mit scheinbar lustigen Sprüchen zu punkten: „Es ist Winter und völlig überraschend beginnt es drei Flocken zu schneien. Aber nichts passiert, niemand ist vorbereitet, die Räumdienste sind überfordert. Es herrscht das totale Chaos!“

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Das Gegenteil ist der Fall. Die Schnee- und Eisräumbereitschaft Zürich zum Beispiel lässt sich von der Meteo-Gruppe regelmäßig mit einer detaillierten Mikrovorhersage für jeden Bereich des Flughafens während der kommenden fünf Tage informieren. Darin kann man für jeden Tag im 3-Stunden-Takt Temperaturen, Niederschlag, Schneehöhen, zu erwartende Winddrift und Böen für den Vorhersagezeitraum ablesen. Blauäugige Überraschung geht anders.

Nicht nur Pisten und Rollwege müssen geräumt und frei gehalten werden, auch die vielen Stellfächen auf dem Vorfeld – Foto: Pressestelle Flughafen Zürich

Am Frankfurter Flughafen gehören 1.400 Männer und Frauen der Schnee- und Eisräumbereitschaft an. Ein beeindruckender Maschinenpark von 319 Spezialfahrzeugen stehen bereit, den Sommer über wurden sie penibel gewartet. So gehört schon eine kleine Schneekatastrophe dazu, einen internationalen Flughafen an der weißen Pracht ersticken zu lassen. Die wichtigen Airports müssen so lange es irgendwie geht für die interkontinentalen Flüge offengehalten werden, die ja bereits sechs, acht oder zehn Stunden zuvor gestartet sind.

Einen Flughafen mit 9 Millionen Quadratmetern Betriebsfläche zu räumen, ist eine logistische und technische Herausforderung. Nach Prioritätenliste fahren Schneefräsen, Kehrblasgeräte, Pflüge hintereinander gestaffelt jede der vier Kilometer langen und 60 Meter breiten Start- und Landebahnen ab. Bei mittlerem Schneefall dauert die mechanische Räumung einer Piste etwa 30 Minuten. Eine Flotte von Lastwagen sowie Radladern gehört dazu, die Tonnen von geräumtem Schnee wegzufahren. Dann rollt eine Staffel von acht Multi-Enteisern über den Asphalt, die ein biologisch abbaubares Essig-Acetat versprühen, damit auch das letzte Eis schmilzt und neuer Schnee nicht so schnell eine Chance hat, liegen zu bleiben.

Isopropylalkohol

Eine der weniger bekannten Eigenschaften von Alkohol ist der Einsatz als Enteisungsmittel auf Flughäfen. Isopropylalkohol oder Glykol, vermischt mit Zusatzstoffen, helfen im Winter, Vereisungen auf Pisten aufzutauen und Flugzeuge von Eisschichten zu befreien. Die verschiedenen Flughäfen gehen dabei je nach durchschnittlicher Niederschlagsmenge unterschiedliche Wege.

Gemeinsames Ziel ist es aus Umweltschutz- und Kostengründen mit möglichst wenig Enteisungsmitteln eine maximale Wirkung zu erzielen. In Notfällen, wenn zum Beispiel nach einem Unglück ein Rettungsflugzeug starten muss, wird eine rasche Enteisung ausschließlich mit Hilfe der alkoholischen Stoffe vorgenommen. Vor absehbarem Eisregen wird präventiv Urea eingesetzt, das aus Harnstoffen gewonnen wird. Aus Sicherheitsgründen wird stets die ganze Piste besprüht. Auf einer Länge von vier Kilometern und 100 Metern Breite braucht man 36.000 Liter alkoholische Enteisungsmittel und 80.000 Kilogramm Urea. All diese Flüssigkeit wird aufgefangen und geklärt.

Gelber Schnee

Wir Mitteleuropäer ordnen den Schnee in unterschiedliche Kategorien und reagieren entsprechend darauf. Wir reden von driftendem Schnee, Pulverschnee, Pappschnee, Feuchtschnee, Trockenschnee, Harsch. Wir kennen Schneewehen, fallenden Schnee, Neuschnee, Altschnee, nassen Schnee, Sulzschnee, Schneematsch. Eskimos, Inuit, Tschuktschen haben angeblich 24 verschiedene Worte für die weiße Pracht. Wahrscheinlich ist das eine gerne zitierte Mär, denn diese zwei Dutzend Ausdrücke für Schnee sind nichts anders als polysynthetische Wortkombinationen, die Schneezustände beschreiben, wie wir sie letztlich auch in unseren Sprachen verwenden. Manchmal sind sie jedoch aus sibirischen, grönländischen, kanadischen oder aleutischen Dialekten entlehnt. Nur eine Weisheit haben all diese Völker gemeinsam, und sie wird schon den kleinen Kindern beigebracht: „Don’t eat yellow snow!“

Von Andreas Fecker

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