Luftpost 183: Peruanische Weihnachtsgeschichte

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Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

Am Tag vor Weihnachten 1971 feierte Juliane Koepcke Ihren peruanischen Schulabschluss. Am 24. Dezember bestiegen Mutter und Tochter in Lima die Lockheed Elektra 188A der LANSA für den einstündigen Flug nach Pucallpa, um von dort in ihr Urwalddomizil weiterzureisen. Ihre deutschen Eltern betrieben nämlich im Dschungel von Peru seit vielen Jahren eine zoologische Forschungsstation, während das 17-jährige Mädchen seine Schulzeit in der Hauptstadt verbrachte. Die LANSA (Lineas Aéreas Nacionales S.A.) war nicht gerade die Fluggesellschaft des Vertrauens in Peru. Sie wurde 1963 gegründet und hatte seither schon einige Totalverluste ihrer alten Braniff Maschinen, Baujahr 1959. Aber sie flog auf Strecken, die die Menschen dort brauchten. Als die Turboprop Maschine auf 3000 Metern in Richtung Amazonas flog, geriet sie in ein heftiges Gewitter. Die Turbulenzen packten das Flugzeug, rissen es nach oben und schmetterten es wieder hinab, Gepäck aus den offenen Ablagen wurde zu Boden geschleudert und knallte wieder an die Decke, Regen prasselte auf die Elektra, die Kabine ächzte, Blitze zuckten. Juliane saß am Fenster im hinteren Teil der Maschine. Sie sah, wie ein Blitz in die rechte Tragfläche einschlug.

Es ist möglich, dass durch jahrelangen Betrieb in der turbulenzreichen Zone über Urwald und Andengebirge Haarrisse entstanden waren, durch welche die elektrische Spannung den Treibstoff im Rumpf und in den Tragflächen entzünden konnte. Sekunden später zerbirst das ganze Flugzeug mit seinen 92 Menschen an Bord, die Sitzbank, auf der Juliane und ihre Mutter angeschnallt waren, wird ins Freie gerissen. Das Mädchen verliert das Bewusstsein. Als sie zu sich kommt, ist sie alleine. Kopfüber hängt sie in ihrem Gurt, und rast aus drei Kilometern Höhe auf den Urwald zu. Immer wieder verliert sie für Momente das Bewusstsein, und jedes Mal, wenn sie die Augen öffnet, fällt sie noch immer. Die Erde, ein Meer von grünen Baumkronen unter ihr, scheint sich zu drehen, ein Effekt, den offenbar der Widerstand der Sitzbank erzeugt, ähnlich einem Baumsamen, der mit einem kleinen Segel verbunden ist. Den Aufschlag selbst spürt sie nicht. Das nächste, was sie wahrnimmt, ist nasse Erde. Sie liegt benommen, mit einer schweren Gehirnerschütterung unter der Sitzbank auf dem Boden. Ihr Schlüsselbein ist gebrochen, eine offene Wunde klafft an einer Wade, eine andere an ihrem Oberarm, aber sie lebt. Das Blätterdach und das Gewirr von Lianen hatten ihren Sturz gebremst und den Aufschlag gemildert.

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Es dauert einen Tag, bis der Nebel verschwindet, der sich über ihr Bewusstsein gelegt hatte und sie aufstehen kann. Ihre Brille ist weg, sie hat nur noch einen Schuh, das dünne Minikleid, das sie am Leib trug und ihre Armbanduhr. Aber außer ihrer Sitzbank war nichts zu finden, auch ihre Mutter nicht, keine anderen Passagiere, keine Flugzeugtrümmer, nichts. Juliane Koepcke ist allein im peruanischen Amazonas, das Dach aus Baumkronen macht es den Besatzungen von Suchflugzeugen unmöglich, sie zu entdecken.

Doch Juliane war im Urwald des Amazonas aufgewachsen, das kam ihr jetzt zugute. Weder Pflanzen noch Tiere waren ihr fremd, sie wusste, wonach sie Ausschau halten und wovor sie sich schützen musste. Manche Schlangen sehen aus wie Äste und verharren bewegungslos, bis eine Beute in ihre Schlagdistanz kommt. Spinnen, Käfer, Würmer, Fliegen, Insekten können in offene Wunden eindringen, ihre Eier legen und schwere Krankheiten verursachen oder den unfreiwilligen Wirt bei lebendigem Leib von innen auffressen. Juliane findet einen kleinen Bach und folgt ihm. Er würde sie an einen Flusslauf führen, dem sie folgen konnte. Und vielleicht würde dort das Blätterdach den Blick freigeben, denn immer wieder hörte sie Suchflugzeuge über den Baumwipfeln. Ständig versperren gefallene Baumstämme, Gestrüpp, Schilfgras, Wurzelwerk und vermoderndes Holz den Weg. Die Nächte verbringt sie ohne Schutz auf dem stets feuchten Boden. Am dritten Tag stößt sie auf ein Triebwerk der Elektra, am vierten Tag auf eine Sitzbank mit drei toten Passagieren. Durch die Wucht des Aufpralls fuhr diese fast einen Meter tief in den weichen Boden, kopfüber, nur die Füße der Opfer ragten nach oben. Auch weitere Trümmerteile waren dort verstreut.

Tagelang arbeitet sie sich weiter, den Bach entlang, der immer breiter wird, bis sie den Ruf eines Zigeunerhuhns hört. Sie weiß, dass diese Vögel an Flüssen siedeln. Die Hoffnung steigt, dass sie an ein breiteres Gewässer kommen wird, wo sie vielleicht auf Menschen trifft. Am Fluss wird das Fortkommen einfacher. Doch sie weiß, dass im seichten Uferschlick giftige Stachelrochen lauern, daher begibt sie sich in die Mitte des Flusses und lässt sich treiben. Dort teilt sie sich das Wasser mit Piranhas und Kaimane, aber sie kennt deren Verhalten und fürchtet sich nicht. Nachts sucht sie Schlaf, der nicht kommen will, Regen kühlt ihren Körper aus, der Wind lässt sie schlottern, die Einsamkeit verzweifeln. Zu Essen hat sie nichts, ein paar Bonbons, die sie in ihrer Tasche fand, hat sie längst aufgelutscht.

Die nachlassende Kraft kompensiert sie mit nächtlichen Gebeten. Ihr ist bewusst, dass ihr Überleben ein Wunder ist, ein Geschenk. Sie fühlt sich verpflichtet, ihren Teil zu ihrer Rettung beizutragen, nicht aufzugeben, um den Erhalt ihres geschenkten Lebens zu kämpfen. Mittlerweile machen ihr ihre Wunden zu schaffen. Die Ränder begannen zu faulen, zentimeterlange Würmer krochen aus der Brutstätte an ihrem hinteren Oberarm. Während sie tagsüber im Wasser treibt verbrennt die Sonne ihre Haut. Der Hunger schwächt sie weiter, die Müdigkeit setzt ihr genauso zu wie die Halluzinationen über Früchte und Speisen. Immer wieder kämpft sie gegen die Erschöpfung an, gegen die Versuchung sich aufzugeben, gegen den Gedanken, es habe alles keinen Zweck.

Und am zehnten Tag entdeckt sie am Ufer ein Boot. Und einen Weg zu einem überdachten Unterstand. Und einen Außenbordmotor. Und ein Fass voller Benzin. Sie benutzt das Benzin um ihre Wunde am Oberarm auszuwaschen. Dreißig Madenwürmer pult sie mit einem aufgebogenen Ring aus der schwärenden Wunde heraus. Es sind noch längst nicht alle. Am folgenden Tag kommen Waldarbeiter zu der Hütte und bringen Juliane zur nächsten Siedlung. In einer Krankenstation wird ihr geschundener Körper endlich versorgt.

Juliane Koepcke – Als ich vom Himmel fiel

Natürlich ging die Nachricht von der Rettung in Windeseile um den Erdball und natürlich gaben sich Journalisten die Klinke in die Hand. Und das hält bis heute an. Juliane Köpcke hat mittlerweile in Biologie promoviert und geheiratet. Sie pendelt zwischen ihrer Dienststelle in Deutschland und Peru, denn ihre Liebe zum peruanischen Urwald und der Forschungsstation ihrer Eltern ist ungebrochen. Das Trauma hat sie in einem Buch verarbeitet, das sich zu lesen lohnt: „Als ich vom Himmel fiel“. Darin räumt sie mit den Legenden auf, die über ihr Leben und Überleben geschrieben wurden. Sie schreibt auch, dass sie es satt ist, nach jedem Flugzeugabsturz von Journalisten bedrängt zu werden, oder dass man von ihr Ratschläge erwartet, was mögliche Überlebende nun tun sollten.

Wer aus einem zerbrechenden Flugzeug geschleudert wurde, 3 Kilometer im freien Fall zur Erde stürzte, durch die Äste eines Urwaldriesen brach und 50 Meter weiter unten auf den Boden krachte, dem wurde das Leben nicht nur ein zweites Mal geschenkt. Dass das auch noch an Heilig Abend passierte, macht das Wunder nicht kleiner. Aber Juliane Koepcke musste noch lange und hart darum kämpfen, dieses Geschenk auch zu behalten. Ihre Geschichte und ihr Lebenswille mögen ein Vorbild für alle Menschen sein, die sich in einer schweren Lebenslage befinden, die sich verlassen fühlen und ohne Hoffnung sind.

Von Andreas Fecker

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