Luftpost 171: Darwin Award

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Wenn man wider besseres Wissen eine Dummheit nach der anderen macht und am Ende dafür auch noch mit dem eigenen Leben bezahlt, ist man ein ernsthafter Kandidat für den Darwin Award. Grundlage für diese traurige Auszeichnung ist die Theorie der natürlichen Auslese von Charles Darwin.

Der Filipino Reginald Chua hatte beschlossen, nach dem Vorbild von D. B. Cooper ein Flugzeug zu entführen. Er flog am 25. Mai 2000 mit einem Airbus A330 der Philippine Airlines von Davao City nach Manila. Fast hätte ihn der Mut verlassen, aber kurz vor der Landung von Flug PAL 812 sprang er auf und stürmte in Richtung Cockpit. Als auf sein Hämmern niemand öffnete, schoss er mit einer Pistole gegen die Tür. Mit der linken Hand umklammerte er eine Handgranate, deren Sicherungsstift noch steckte. Vehement verlangte er Zutritt zum Cockpit. Ein Flugbegleiter schien ihn jedoch überzeugen zu können, dass man diese Tür im Flug nicht öffnen könne. Chua war rasend vor Wut auf die ganze Menschheit; seine Familie habe ihn verlassen und seine Frau habe eine Affäre mit einem Polizisten. Er verlangte von den 277 Passagieren, alles Geld und Wertsachen in einen Sack zu stecken, den er durch die Reihen gehen ließ. Andernfalls würden sie alle zusammen sterben. Anfangs hatte das noch etwas Bedrohliches und die Passagiere entledigten sich ihrer Uhren, Ringe, Geldbörsen und Wertsachen. Weiter hinten im Flugzeug hatte es eher den Charakter eines Klingelbeutels, in den man aus Mitgefühl ein paar Dollar warf.

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Auf seinem Rücken trug Chua einen Rucksack mit einem selbstgeschneiderten Fallschirm. Die Hände voll mit Pistole, Handgranate und Beutesack forderte Chua nun einen Sinkflug auf 1800 Meter. Von einem Flugbegleiter verlangte er, die hintere Türe zu öffnen. Doch seine Versuche abzuspringen misslangen wegen des starken Fahrtwindes an der Tür. In panischer Verwirrung zog er den Sicherungsstift von der Handgranate und warf ihn in das Flugzeug, von der nun scharfen Granate wollte er sich aber nicht trennen. Geistesgegenwärtig schob ihn ein Flugbegleiter hinaus ins Freie. Den Rucksack samt improvisiertem Fallschirm riss ihm der Luftstrom sofort vom Rücken, den Sprengkörper hielt er hingegen auf dem Weg nach unten fest umklammert in seiner Faust als hinge sein Leben von ihm ab. Obwohl der Absprungort bekannt war, dauerte es Tage, bis man Teile von ihm fand. Die Handgranate muss mit dem Aufschlag am Boden explodiert sein.

Der Darwin Award ist also ein sarkastischer Negativpreis für Menschen, die sich laut Definition selbst „auf originelle Weise dem Genpool entzogen haben“. Eine der Voraussetzungen ist, dass die „Preisträger“ urteilsfähige Erwachsene sein müssen, die nicht etwa an einer geistigen Krankheit litten. Andere Menschen dürfen dabei nicht zu Schaden gekommen sein.

Keine Chance für einen Darwin Award hatten nach dieser Logik zwei Piloten einer Swearingen Metro Maschine. Die beiden waren zusammen nicht älter als 45 Jahre. sie flogen im Auftrag einer amerikanischen Zubringer-Airline. Da die Kabine nur durch einen Vorhang vom Cockpit abgetrennt war, wurden die entgeisterten Passagiere Zeugen eines immer heftiger werdenden Streits zwischen dem jungen Käpten und dem Kopiloten. Die Auseinandersetzung gipfelte darin, dass der Käpten seinem First Officer den gestreckten Zeigefinger mehrfach auf die Brust stach und ihm energisch befahl, er solle nun „seine Griffel von den Controls lassen, die Füße von den Pedalen nehmen, sich seine Kommentare gefälligst sonstwo hinstecken und sich schon einmal auf die Landung freuen, wo er ihm noch ein paar Takte erzählen würde“.

Der Co-Pilot gab sich zu Tode beleidigt, verschränkte die Arme und schaute aus dem Fenster. Man weiß nicht, ob er es kommen sah, befehlsgemäß aber den Mund gehalten hatte, oder ob er gar genoss, was gleich passieren würde: Jedenfalls landete der handgreifliche Käpten das Flugzeug auf dem Bauch, weil er vergessen hatte, das Fahrwerk auszufahren! Nachdem beide überlebten, war es also (noch) nix mit dem Darwin Award. Ich nenne so etwas ganz einfach „mieses Karma“!

Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 171: Darwin Award”

  1. Andreas Fecker sagt:

    Zu dieser Ausgabe der Luftpost habe ich ungewöhnlich viele Zuschriften bekommen, überwiegend waren sie positiv. Gleichwohl hatte ich ein etwas unsicheres Gefühl zu diesem Fall im Magen. Darf man einen Menschen, der offenbar psychische Probleme hatte, so darstellen? Drei Punkte ließen mich meine Bedenken zerstreuen:
    1. Es gibt diesen Award, und er wird immer wieder einmal im Zusammenhang mit drastischen Beispielen zitiert. Der Award hat einen sarkastischen Hintergrund. Diesen Sarkasmus gebe ich wieder.
    2. Die Begebenheit fand statt, ich habe bestimmt zehn Berichte recherchiert, teils auch von Augenzeugen.
    3. Seit 40 Jahren studiere ich die psychologischen Hintergründe von Flugzeugentführungen, die immer wieder auch mal aus persönlichen Notlagen heraus durchgeführt wurden. Eine psychische Störung ist dabei schon fast Voraussetzung, egal ob das nun der Geldbeschaffung oder persönlichen Problemen geschuldet ist. Jede Entführung kann in einem Desaster enden, erst recht im Luftverkehr. Zu beantworten ist die Frage: Darf jemand aus einer eigenen Notlage heraus andere Menschen als Geisel nehmen, sei es im Rahmen eines Bankraubes oder einer Geiselnahme von Familienangehörigen? Den Betroffenen womöglich ein lebenslängliches Trauma schaffen? Ich meine, nein. Und zwar auf gar keinen Fall.