Luftpost 165: D. B. Cooper

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

In der Kriminalgeschichte gibt es Täter, die sich das Wohlwollen und die Sympathie der Bevölkerung gesichert haben, weil sie originell vorgingen, stets höflich waren, niemandem an Leib und Leben schadeten, und schließlich die Behörden auch noch an der Nase herumführten. D. B. Cooper war so ein Fall. Am 24. November 1971 kam er mit einem Attaché-Koffer an Bord der Boeing 727 von Northwest Orient Airlines, Flight 305. Die Stewardess Florence Schaffner sagte später aus: „Er saß auf 18C. Nach dem Start bestellte er einen Whiskey und rauchte eine Zigarette. Während ich das Geld kassierte, steckte er mir einen gefalteten Zettel zu. Es passiert manchmal, dass mir einsame Geschäftsleute ihre Telefonnummer geben. Ich stecke die dann lächelnd in meine Tasche und werfe sie später ungeöffnet weg. Aber in diesem Fall beugte sich der Passagier zu mir und flüsterte mir ins Ohr: ‚Miss, Sie sollten den Zettel lesen. Ich habe eine Bombe.‘ Ich ging also in die Galley und holte das Blatt Papier heraus. Da stand ‚Ich habe eine Bombe in meiner Tasche, die ich zünden werde, falls nötig. Setzen Sie sich neben mich. Dies ist eine Entführung.‘“

Weiter berichtete sie: „Ich ging wieder zu ihm und bat ihn, mir die Bombe zu zeigen. Er öffnete seine Aktentasche einen Spalt weit. Ich sah darin Drähte und rote Zylinder. Der Passagier schickte mich ins Cockpit und bat mich, seine Forderungen zu übermitteln: 200.000 Dollar, vier Fallschirme und die Betankung des Flugzeugs in Seattle. Wir sollten nicht landen, bis das Geld und die Fallschirme beschafft waren und am Flughafen bereitlagen. Niemand an Bord hat etwas von der Situation mitbekommen, so diskret ging alles vor sich. Mr. Cooper war auch von einer ausgesuchten Höflichkeit, er bezahlte sogar das zweite Glas Whiskey, das er bestellte und gab mir noch ein Trinkgeld.“

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Nach der Landung brachte man ihm das Geld und die Fallschirme. Alle Menschen durften von Bord außer den beiden Piloten, dem Flugingenieur und einer Stewardess. Während die Maschine vollgetankt wurde, gab er der Crew die Anweisungen für den Weiterflug: „Fliegen Sie in Richtung Mexiko City. Flughöhe 10.000 Fuß, nicht schneller als 100 Knoten (180 km/h), kein Druck auf der Kabine, die Hecktüre bleibt offen, die Hecktreppe ausgefahren, das Fahrwerk bleibt unten. Die gesamte Crew bleibt im Cockpit.“ Auf den Einwand des Kopiloten, dass bei einer solchen Konfiguration der Sprit nicht bis Mexiko reiche, antwortete Cooper, „dann landen wir in Reno und tanken auf.“

Um 17:40 Uhr startete die 727 in den dunklen Winterhimmel. Natürlich flogen mehrere Fighterjets der Air Force außer Sichtweite hinter dem Flugzeug her. Doch um 20 Uhr durchquerte man ein ausgedehntes Regengebiet. Um 20:13 glaubte der Käpten eine Veränderung in der Trimmung der Maschine zu spüren. Nach der Landung in Reno stürmten FBI und Polizei das Flugzeug. Cooper war verschwunden. Der Flug wurde mit demselben Flugzeug und derselben Crew zu den gleichen Zeiten rekonstruiert. An der 20:13 Uhr-Position wurden Gewichte und Puppen abgeworfen. Am Boden durchsuchten 200 Soldaten die Aufschlagstelle. Jeder Stein wurde umgedreht. Vergeblich. Keine Spur von D. B. Cooper. Erst im Jahr darauf äußerte ein Meteorologe Zweifel an der Windrichtung, die damals geherrscht haben soll. Also wurde das Suchgebiet ausgeweitet. Wieder vergeblich.

Northwest Orient lobte eine Belohnung von 25.000 Dollar aus. Das FBI veröffentlichte die Liste der registrierten Geldscheine. Eine Zeitung bot 1000 Dollar für den ersten Geldschein, der zu dem Lösegeld gehörte. Nichts. Der Mann, der sich D. B. Cooper nannte, blieb ein Mysterium. 1980 fand ein achtjähriger Junge an den Ufern des Columbia River drei Bündel Dollarnoten im Sand, die tatsächlich zu dem Lösegeld gehörten. Das befeuerte neue Theorien, von einem absichtlichen Abwurf der drei Geldbündel bis hin zu einem späteren Vergraben, um die Absprungstelle zu verschleiern. Sicher ist, dass Cooper das Geld niemals ausgeben konnte, nachdem er erfuhr, dass die Scheine registriert waren.

Einer der Gründe, warum die Bevölkerung so viel Anteil an dem Fall nahm, sind sicherlich die 15 mehr oder weniger dilettantischen Nachahmer, die im folgenden Jahr allesamt scheiterten. Dabei ragten einige Fälle heraus, die von ehemaligen Soldaten der US Army durchgeführt wurden, allesamt Männer mit Springererfahrung. Aber auch diese endeten recht schnell hinter Gittern, nicht zuletzt, weil es ja von jedem ausgeschiedenen Soldaten neben ihrem militärischen Werdegang ein Passfoto in den Akten gab, mit denen sich die Phantomzeichnungen abgleichen ließen:

Richard Charles LaPoint zwei Monate später mit Hughes Airwest, sprang mit 50.000 Dollar aus einer DC-9. Der vorher eingenähte Peilsender führte die Verfolger zur Absprungstelle, von dort brauchten sie nur noch den Fußstapfen im Schnee zu folgen.

Richard McCoy mit United Airlines, sprang mit 500.000 Dollar aus seiner 727. Er wurde zwei Tage später zu Hause verhaftet.

Frederick Hahneman mit Eastern Airlines, sprang mit 300.000 Dollar über Honduras aus einer 727. Der Fahndungsdruck war aber so groß und die 25.000 Dollar Belohnung in dem armen Land so attraktiv, dass er sich vier Wochen später in der amerikanischen Botschaft in Tegucigalpa stellte.

Robb Dolin Heady mit United sprang mit 200.000 Dollar in der Nähe des Washoe Lake ab. Dort war aber dem örtlichen Sheriff ein geparkter Wagen mit dem Aufkleber eines Fallschirmclubs aufgefallen. Er legte sich auf die Lauer und wartete. Bald darauf kroch der Entführer aus den Büschen.

Martin McNally mit American Airlines. Als er mit einer halben Million Dollar aus dem Flugzeug sprang, entriss ihm der Luftstrom das ganze Geld. Wenige Tage später wurde er in Detroit verhaftet.

Doch die Entführungsserie bewirkte eine Veränderung an den Flughäfen. Ab 1973 wurde alles Gepäck sorgfältiger untersucht und geröntgt, Passagiere besser durchsucht. Im Juli 2016, 45 Jahre nach der Entführung, schloss das FBI die Akte und stellte die Suche nach D. B. Cooper ein. Der Gentleman-Hijacker wäre heute etwa 90 Jahre alt, falls er überhaupt noch lebt. Es ist wie so oft, das Original ist eben besser als die Kopie.

Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 165: D. B. Cooper”

  1. Andreas Fecker sagt:

    Zugunsten der besseren Lesbarkeit habe ich übrigens bei meiner Schilderung ein kleines Detail verschwiegen, das ich jetzt für die Fachleute nachliefern will:
    Wegen der Rotation beim Start wollte der Captain nicht mit ausgefahrener Treppe starten. Das würde zu unvorhersehbaren Beschädigungen an der Hecktreppe führen. Er versicherte aber Mr. Cooper, dass man Türe und Treppe im Flug öffnen könne.