LUFTPOST 16: Placebo, Nocebo, Phonophobie, Hyperakusis

Werbung
Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

Ying und Yang, Engelchen und Teufelchen. Wir alle kennen den Placebo-Effekt. Placebo ist lateinisch und heißt »ich werde gefallen«. Ein Patient erhält ein Medikament ohne Wirkstoff. Trotzdem erfährt der Patient eine positive Veränderung seines subjektiven Befindens, das schließlich sogar objektiv messbar ist.

Der wenig bekannte Nocebo-Effekt funktioniert genau anders herum. Der Nocebo ist der böse Bruder des Placebo. Nocebo ist auch lateinisch und heißt »ich werde schaden«. Schon im Mittelalter wurden Menschen durch schaurige Geschichten davon abgeschreckt, bestimmte Gebäude zu betreten. Kindern erzählte man schaurige Märchen von Tod und Verderben, um sie vom Wald fernzuhalten, in dem sie sich ja hätten verirren können.

Werbung

Wird zum Beispiel dem oben erwähnten Medikament, das überhaupt keinen Wirkstoff hat, eine negative Nebenwirkung zugeschrieben, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass der Proband über diese Nebenwirkung klagt. Es gibt diese Fälle auch bei Fehldiagnosen von Ärzten, oder bei der berühmten Aktenverwechslungen, wo völlig gesunden Menschen eine stark verkürzte Lebensdauer eingeredet wird. Prompt stellen sich auf Grund der veränderten Erwartungshaltung entsprechende Symptome ein (selbsterfüllende Prophezeiung).

Der Münchner Arzt Dr. Markus Thoma schreibt dazu: »Der Nocebo-Effekt wird unter Ärzten und Zahnärzten im Gegensatz zum weithin bekannten Placebo-Effekt kaum thematisiert. Während beim Placebo-Effekt von vornherein die positive Erwartungshaltung im Vordergrund steht, durch eine ärztliche oder zahnärztliche Maßnahme einen günstigen Einfluss auf ein Krankheitsgeschehen zu nehmen, werden beim Nocebo-Effekt zunächst Befürchtungen aufgebaut, durch äußere Einflüsse krankgemacht zu werden.«

Nebenwirkungen sind vielfach Erkrankungen mit psychosomatischen Ursachen. Dabei können Übelkeit, Kopfschmerzen, Erschöpfung oder Benommenheit auftreten. Objektive Symptome wie Hautausschlag, Hypertonie und erhöhte Herzfrequenz können sich dazugesellen. Es kann zu einer leichten und vorübergehenden Erkrankung kommen, es kann aber auch chronisch werden und im Extremfall sogar zum Tode führen. Das wirklich Gefährliche am Nocebo-Effekt ist die krankmachende Angst vor eingebildeten Gefahren. Frauen sind häufiger davon betroffen als Männer, Ältere mehr als Jüngere.

Ein berühmtes Beispiel ist die Arjenyattah-Epidemie. Am 21.03.1983 klagte eine Schülerin an einer Schule im Westjordanland über Atemnot und Schwindel. Kurz darauf meldeten sich sechs weitere Schülerinnen mit denselben Beschwerden. Als dann 17 weitere Schülerinnen »erkrankten«, wurde die Schule geschlossen. Ein gelbes Pulver an den Fensterrahmen diente als Beweis für Rückstände von Giftgas. Tatsächlich war es Blütenstaub, was man aber erst viel später herausgefunden hatte. Am nächsten Tag lagen 60 Schülerinnen im Krankenhaus. Die Medien waren voll davon. Weitere 949 Personen meldeten sich danach mit Kopfschmerzen, Schwindel, Bauchschmerzen, Muskelschmerzen und Ohnmacht, 77% davon waren weiblich. Die Labore konnten jedoch keine Ursachen feststellen, es gab keine Giftspuren in Blut oder Urin, Messungen am Ausbruchsort der Epidemie erbrachten keinerlei Belastung.

Mittlerweile unterstellten die Palästinenser der israelischen Besatzung einen Giftgasangriff, die Schülerinnen wurden schon am zweiten Tag mit Flugblättern zum Kampf gegen die Besatzer aufgefordert und an ihre Verpflichtung gegenüber ihrem Volk erinnert. Eine Nachrichtenagentur sprach von Massenmord, der PLO-Chef Arafat gar von Völkermord, die Vereinten Nationen drückten Israel gegenüber »ihre Besorgnis« aus. Nach zwei Wochen war die Epidemie jedoch, so plötzlich wie sie gekommen war, wieder vorbei. Heute weiß man, dass sie durch psychologische und nicht-medizinische Faktoren gesteuert war. Vor allem führte die öffentliche Aufmerksamkeit der Medien zu einer Massenhysterie.

Die über Generationen angelegte Framingham-Herz-Studie der amerikanischen Gesundheitsbehörde stellte fest, dass Frauen, die sich vor einer Herzkrankheit fürchteten, innerhalb von 20 Jahren mit vierfacher Wahrscheinlichkeit einen Infarkt oder plötzlichen Herztod erlitten. Die Ergebnisse der Studie wurden übrigens im Hinblick auf Tabakkonsum und Hypertonie korrigiert.

Nicht zu unterschätzen ist der volkswirtschaftliche Schaden des Nocebo-Effekts. Die Kosten für Behandlung von Medikamenten-Nebenwirkungen wurden gemäß einer Studie im Jahr 1995 allein in den USA auf 76,6 Milliarden Dollar geschätzt, wovon ein erheblicher, derzeit allerdings nicht zu beziffernder Anteil der menschlichen Einbildung und eben dem Nocebo-Effekt zugeschrieben wird.

Und was hat das alles mit der Luftfahrt zu tun? Nun, stellt sich ein Arzt und ausgewiesener Fluglärmaktivist vor seine gleichgesinnten Zuhörer und prophezeit ihnen „3000 von Ihnen werden wegen des Fluglärms in den Nachtrandstunden während der nächsten 10 Jahre sterben“, dann bedient er genau diesen Nocebo Effekt. Negativ konditionierte Menschen werden das auf sich beziehen, so könnte dieser Fluch schneller wahr werden, als einem lieb sein kann. Und wenn ein Arzt, der sich auf den Kampf gegen Fluglärm spezialisiert hat, mit keiner Silbe die Geräuschphobie oder die Hyperakusis erwähnt, dann regen sich Zweifel an den lauteren Absichten.

Phono- oder Geräuschphobie ist nämlich eine psychologische Reaktion, bei der nur bestimmte, negativ besetzte Geräusche als unangenehm bis unerträglich laut empfunden werden, während dies bei anderen Geräuschen nicht der Fall ist, nicht einmal dann, wenn deren Lautstärke höher ist. Bei einer fortschreitenden Phonophobie werden immer leisere Geräusche als bedrohlich empfunden, das Spektrum weitet sich aus. War eine Phonophobie anfangs nur auf Fluglärm ausgerichtet, kann sich daraus eine Hyperakusis entwickeln.

In Deutschland leiden ca. 500.000 Menschen unter der sogenannten Hyperakusis. Das ist eine pathologisch gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Schallereignissen, die normalerweise noch nicht als unangenehm laut empfunden werden. Die Hyperakusis tritt oft zusammen mit Tinnitus oder Phonophobie auf.

Andreas Fecker

Schlagwörter: