Luftpost 150: Angeschnallt

Werbung
Immer anschnallen, wenn man sitzt! – Foto: Bildarchiv Fecker

Turbulenzen sind in der Fliegerei gelegentlich auftretende Erscheinungen, die sich meist als ärgerliches „Wackeln“ oder kleinere Erschütterungen in der Nähe von Gewitterwolken bemerkbar machen und den Passagieren das gemütliche Kaffeetrinken erschweren. Man versucht das durch weiträumiges Umfliegen von Gewitterzonen zu vermeiden. Das geht aber nicht immer. Turbulenzen können auch ganz erhebliche Ausmaße annehmen. Sogenannte „Luftlöcher“ sind nichts anderes als Downdrafts, Vertikalwinde im ständigen Luftaustausch unserer Erdhülle. Luft steigt auf, Luft fällt herab. Man kann sich das als unsichtbare Walzen vorstellen (Clear Air Turbulence, CAT). Als schlüge eine Riesenfaust auf das Flugzeug, so fühlt es sich an, wenn eine Maschine in eine solche Turbulenz gerät. Entweder sie wird angehoben, oder sie wird herabgeschleudert, oft passiert beides hintereinander. Vergangenen Donnerstag ging eine Meldung über einen Airbus A330 von Etihad durch die Presse, der auf dem Flug nach Jakarta in erhebliche Turbulenzen geriet. Nicht angeschnallte Passagiere wurden aus den Sitzen gerissen und krachten gegen die Decke. Das Dumme dabei ist, irgendwann hört der vertikale Höhenverlust auf, und die Passagiere schlagen wieder auf, wenn sie Glück haben in ihren Sitzen, wenn sie Pech haben auf dem Boden oder auf harten Armlehnen. Lose Gegenstände fliegen durch die Kabine, treffen empfindliche Körperteile. Das führt zu Verletzungen, die im Flugzeug oft nicht mehr behandelbar sind. Im Zeitalter von Handyvideos führt die anschließende Panik der Passagiere zu Vertrauensverlust und bleibenden Ängsten vor Reisen im Flugzeug.

Deshalb werden Fluggäste stets aufgefordert, sich an ihrem Sitz anzuschnallen. Das bedeutet ja nicht, dass man nicht mal eben zur Toilette gehen oder sich mal die Beine vertreten kann. Aber gleich nach der Rückkehr muss der Griff zum Gurt erfolgen. Denn nur dann ist man sicher. Wer gerne Achterbahn fährt, wird den plötzlichen Höhenverlust sogar genießen können, vorausgesetzt er kann sich sicher sein, dass dem Flugzeug nichts passiert. Und dafür sorgen knallharte Bestimmungen:

Werbung

Die Struktur eines Flugzeugs muss massivste physikalische Kräfte aushalten. Die Tragflächen werden beim Biegetest in einer Spezialwerft hydraulisch steil nach oben gebogen, bis sie unter den Augen der Zulassungsbehörden brechen. Geschieht dies erst bei Kräften, wie sie in der Natur noch nie gemessen wurden, ist der Test bestanden. Bei Firmen wie der IABG in Dresden oder Erding werden nämlich die Tragflächen in riesigen Folterkammern durch Gerüste fixiert und gerüttelt, geschüttelt und nach oben und nach unten gebogen. Über zwei bis drei Jahre hinweg werden 60.000 simulierte Flüge im Zeitraffer durchgeführt, das ist mehr als die Lebenserwartung eines Flugzeugs. Trotzdem werden sogar noch einmal 60.000 Flüge daraufgesetzt. Nach jeder Testreihe werden die getesteten Bauteile einer akribischen Prüfung unterzogen. Beim A380 wurden die Flügelspitzen acht Meter nach oben und zwei Meter nach unten gezogen! Sie blieben heil. Dieser zehn Meter Ausschlag ist vorgeschrieben. Ohne diesen Test zu bestehen erhält kein Passagierflugzeug eine Zulassung. Was bis dann nicht kaputtgegangen ist, durchsteht auch die ärgsten Turbulenzen.

Der Bruchtest erfolgt am Vorserien-Flugzeug ganz zum Schluss. Wieviel Kraft muss aufgewendet werden, bis der Flügel bricht? Er darf ja irgendwann brechen, aber eben erst jenseits eines bestimmten Wertes. Klar, dass dieses Flugzeug nur gefoltert, aber niemals geflogen wird. Die Maschine, in der dann Passagiere befördert werden, hält alle Turbulenzen aus. Mir flog zwar schon das eine oder andere Mal Gepäck um die Ohren, aber sonst ist noch nie etwas passiert. Und ganz ehrlich? Es war jedes Mal ein spannendes Erlebnis! Für manche Menschen bedeuten Turbulenzen Horror und Kontrollverlust, für andere das Tollste seit der Erfindung der Fliegerei.

Von Andreas Fecker

Schlagwörter: , , ,