Luftpost 142: Joe Sutter

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Andreas Fecker – Foto: Jochen Mahrholdt / Fecker

Franc Suhadolc kam als slowenischer Migrant im Alter von 17 Jahren nach Amerika. Bei der Registrierung in Ellis Island gab man ihm einen einfacheren Namen: Frank Sutter. Er reiste zum Yukon und versuchte sein Glück als Goldgräber am Klondike. Nach zehn Jahren harter Arbeit fand er tatsächlich eine kleine Goldmine, die er für 15.000 USD an einen Schweden verkaufte. Damit zog er nach Seattle und heiratete eine österreich-ungarische Immigrantin, Rosa Plesik. Am 21. März 1921 wurde sein Sohn Joe geboren. Bald entdeckte Joe seine Leidenschaft zu Büchern, die er stapelweise verschlang. Die Sutters lebten mit ihren drei Kindern in einem einfachen Haus außerhalb von Seattle. Die Zeiten waren schlecht, zeitweise schliefen sie auf Strohsäcken. Doch ganz in der Nähe waren die Boeing Werke. So wuchs Joes Interesse an der Fliegerei. Atemlos verschlang er die aufregende Geschichte von Charles Lindbergh und seinem ersten Transatlantikflug von Long Island nach Paris. Joe verbrachte Stunde um Stunde am Zaun des Werksflugplatzes. Er wurde Zeuge der Fortentwicklung, immer besserer Flugzeuge, die immer größer und eleganter wurden. Er erkannte die feinen Unterschiede am Rumpf der Maschinen, die über den Zaun hinwegflogen. Das prägte seinen Wunsch: Er würde Flugzeuge bauen. Er würde besonders schöne Flugzeuge bauen!

Joe Sutter 2006 – Foto: Darko Veberic, Public Domain

Wie früher sein Vater arbeitete Joe Sutter hart. In der Entwicklungsabteilung des Flugzeugriesen hatte er sich durch seine Visionen und seinen Fleiß einen Namen gemacht. Er nahm sich kaum einmal ein paar Tage frei. Und ausgerechnet an einem beschaulichen Wochenende in den Bergen mit seiner Frau erreichte ihn die Nachricht über einen Nachbarn mit Telefonanschluss: „Joe, du kriegst die 747“. Dies war kurz nachdem Boeing den Wettbewerb um den Supertransporter C-5 „Galaxy“ an den Konkurrenten Lockheed verloren hatte. Boeing war fest gewillt, die Herausforderung des Auftraggebers Pan American Airways anzunehmen. Beim Entwurf eines militärischen Flugzeugs muss man einen Katalog von Spezifikationen berücksichtigen, der über tausend Seiten dick ist. Beim Design eines Passagierflugzeuges sind die Anforderungen vielleicht 50 Seiten stark. Sutter hatte also nicht nur viel freie Hand, sondern darüber hinaus einen Stab von sage und schreibe 4.500 Technikern und Ingenieuren.

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Die Zeit war jedoch knapp. Man gab ihm vier Jahre, um das Flugzeug zu entwickeln, zu bauen und zu testen. Dabei gab es noch gar keine Halle, die groß genug war, die Maschine zu montieren. So wurde parallel zur Entwicklung des Flugzeugs die größte Fabrikhalle der Welt gebaut. Die Airlines hatten anfangs größte Vorbehalte, ob dieses Flugzeug wirklich fliegen würde, ob die Flughäfen groß genug seien und die Terminals so viele Passagiere aufs Mal verkraften konnten. Aber es gab kein Zurück mehr. Boeing setzte seine gesamte Existenz auf den Bau der Hallen und des Flugzeugs.

Joe Sutter wollte der Welt ein Flugzeug geben, das sich auch in schwierigen Situationen leicht und sicher fliegen ließ. Deshalb gab er dem Flugzeug vier Hydrauliksysteme, vier Flugkontrollsysteme, vier Triebwerke und vier Fahrwerke. Er wollte einerseits ein gutes, sicheres Passagierflugzeug bauen, das andererseits auch in einer zweiten Rolle als Großraumfrachter verkauft werden konnte. Er unterhielt sich mit Menschen, die Visionen hatten und hörte genau zu. So kam es überhaupt erst zu diesen Dimensionen. Unter seiner Regie entstand in 29 Monaten ein Flugzeug, das die ganze Welt begeisterte, das größer und mutiger war als alles, was die Luftfahrt kannte. Es stellte die gesamte Luftfahrtindustrie auf den Kopf. Die Boeing 747 geriet zu einer zeitlosen Schönheit. Sie brachte neue Begeisterung in den Reisealltag von Urlaubern und Vielfliegern. Fast 4 Milliarden Passagiere sind mit ihr bis heute geflogen!

CargoLux Boeing 747-8F „Joe Sutter“ – Foto: Copyright by Joachim Fischer

2016 gab Boeing bekannt, die Passagierversion der 747-8 auslaufen zu lassen, weil die 787 um einiges ökonomischer und zeitgemäßer ist. Der Produktionsrhythmus wird gestreckt. Die Frachtversion soll allerdings weiter produziert werden.

2007 saß ich einmal beim Mittagessen in Everett Joe Sutter gegenüber. Natürlich kamen wir auf die neue 747-8 zu sprechen. Er bat mich, ihm nach der Besichtigung des Prototyps meine Eindrücke aufzuschreiben. Ich konnte nur in den höchsten Tönen von dieser neu aufgelegten „Queen of the Skies“ schwärmen. Ich schloss mit den Worten: „Leonardo da Vinci war damals seiner Welt weit voraus. Und Sie, Joe Sutter, ebenfalls.“

Von Andreas Fecker

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