LUFTPOST 14: Die Frankfurter Fluglärmdemos

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Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

Seit der Eröffnung der vierten Piste im Oktober 2011 findet im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens findet fast jeden Montag eine Demo statt. Anfangs kamen ein- oder zweitausend teils karnevalistisch gekleidete Demonstranten mit Trillerpfeifen, Trommeln und Kochtöpfen, Ortsschildern und Transparenten, die Ohren verstopft mit Wachs und chanteten einstudierte Schüttelreime. Zwischendrin verstörte Kinder, denen man bereits den nahen Fluglärmtod durch die bösen Flugzeuge eingetrichtert hatte. Am Montag nach dem Leipziger Urteil, als der oberste Verwaltungsgerichtshof zumindest eines der Hauptanliegen der Fluglärmgegner bestätigt hatte, nämlich eine Nachtruhe von 23 Uhr bis 5 Uhr, wurde ich Zeuge dieser Veranstaltung. Trillernd und dem Rhythmus von Fußballfans im Stadion folgend („Jetzt geht’s lo-os, jetzt geht’s lo-os“) wälzte sich der bunte Zug in bester Karnevalstradition unter Kochtopfgeschepper, Landsknechts-Getrommel und Vuvuzela-Getröte durch das Terminal und skandierte „Jetzt erst re-echt, jetzt erst re-echt!“ Zum Fremdschämen!

Wer allerdings geglaubt hat, das würde sich über Jahresfrist totlaufen, sah sich eines Besseren belehrt. Offenbar ist der folkloristische Montagabend für die nächsten 40 Jahre fester Bestandteil der Lebensplanung geworden.

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Statt Falschparker aufzuschreiben und der Polizei zu melden sitzen die Fluglärmgegner, so sie nicht arbeiten müssen am Computer oder auf dem Balkon und überwachen die anfliegenden Flugzeuge. Öffentlich zugängliche ADSB-Daten liefern Höhe, Geschwindigkeit und Registrierung der meisten Maschinen. Es wird nach Anomalien gesucht. Glaubt man eine entdeckt zu haben, wird angezeigt. Fahrwerk zu früh ausgefahren? 100 Meter zu weit rechts? Privat betriebene Messstationen liefern mehr oder weniger genaue Dezibel-Werte, über die man sich per Mausklick beschweren kann. Von Folter und Terror ist die Rede, in Leserbriefen werden sogar schon Vergleiche zu Guantanamo gezogen!

Ja geht’s noch? Wir reden hier von einem Flughafen, wir reden vom öffentlichen Personenverkehr! Und ausgerechnet noch von einem der leisesten Großflughäfen der Welt! Kaum ein Airport hat so viele Lärmschutzauflagen wie Frankfurt! Bezeichnenderweise werden von den Fluglärmgegnern Forderungen erhoben, man möge die Bebauungsbeschränkung rund um den Flughafen aufheben, damit man lärmsensitive Einrichtungen der umliegenden Ortschaften in Richtung Airport ausdehnen kann!

Ich wuchs in Konstanz im vierten Stock eines Altbaus an einer vielbefahren Verkehrsader auf. 21 Jahre lang habe ich den Straßenverkehr von Baden-Württemberg in die Schweiz miterlebt, der diese Straße benutzen musste, weil sie wie ein Trichter über die einzige Rheinbrücke weit und breit führte. Wenn tief unten ein Bus oder ein Lastwagen vorbeifuhr, klingelten bei uns oben im Wohnzimmerschrank die Gläser. Es gab noch keine Umweltzonen, keine ASU-Plakette, der Begriff Feinstaub existierte noch gar nicht, Katalysatoren auch nicht, Bremsbeläge bestanden zur Hälfte aus Asbest. Im Winter hielten wir unsere Fenster geschlossen, damit die Wärme nicht hinausging. Niemand hatte ein Gefühl von Käfighaltung. Im Sommer standen die Fenster weit offen, Tag und Nacht, trotz des Lärms. Vom Kirchturm 120 m neben unserem Haus schlug die Uhr die Viertelstunden, tags wie nachts, die Stunden konnte man jeweils mitzählen, und zwar nachts um 12.00 Uhr genauso wie nachmittags um 5.00 Uhr. Sonntags um 5:45 läuteten die Glocken zur Frühmesse. Trotzdem war Lärm nie ein Thema. Alle meine Bekannten erreichten ein hohes Alter. Meine Schwester war eine 1er-Schülerin, schon deshalb würde es mir nicht im Traum einfallen, meine schlechten Noten in Latein und Griechisch oder gar mein Sitzenbleiben auf den Lärm zu schieben. Ich war damals ganz einfach stinkfaul, hatte meine Prioritäten falsch gesetzt, zog lieber mit einer Band umher und machte Musik.

Heute wird den Kindern eingetrichtert, sie könnten sich wegen des Fluglärms nicht konzentrieren. Ich finde, das ist eine ganz perfide Instrumentalisierung unseres Nachwuchses. Interessanterweise kann man im Fluglärmforum das Fernsehprogramm ablesen. Bei Länder- oder Pokalspielen, bei einem spannenden Krimi herrscht Ruhe. Wenn nix Gscheit’s im Fernseher kommt, stört plötzlich wieder der Fluglärm.

LUFTPOST 14 von Andreas Fecker

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