Luftpost 137: Beschiss

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Archiv: Fecker

Beschiss rächt sich immer irgendwann. Aktuelle Beispiele gibt es reichlich, von der Schulzeit bis zur Doktorarbeit, von der FIFA bis zum Autobauer. Und manchmal bezahlt man das sogar mit seinem Leben. Ich kenne da einen eindrucksvollen Fall aus der Fliegerei: Ein deutscher Flugschüler stand am Anfang seiner Karriere als Jet Pilot bei der Bundeswehr. Er war damals zur fliegerischen Ausbildung in Texas. Ich nenne ihn jetzt mal Alex. Eines Tages standen die Recovery Procedures auf dem Programm. Schüler und Lehrer sitzen dabei nebeneinander im Cockpit einer kleinen Propellermaschine. Der Schüler startet, dann übernimmt sein Ausbilder. Er befiehlt dazu seinem Schützling, die Augen zu schließen. Dann beginnt der Lehrer wie wild herumzukurven, steigt auf, lässt die Maschine wieder fallen, fliegt sie irgendwohin zwischen die Wolken und bringt das Flugzeug in eine unmögliche Fluglage. Dann sagt er „Augen auf. Du übernimmst.“

Der Schüler muss sich nun an Hand der Instrumente orientieren und die total verkorkste Lage des Flugzeugs erkennen. Manchmal befindet sich die Maschine in einer gefährlichen Abwärtsspirale zur Erde. Dies zu erkennen ist nicht immer einfach. Der Flugschüler muss dann die Maschine mit Ruder und Steuerknüppel in einen waagerechten, kontrollierten Flugzustand bringen. Natürlich ist der Fluglehrer jederzeit bereit einzugreifen, die Manöver beginnen ja stets in ausreichend großer Höhe.

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Alex war der Beste von allen. Er hatte die Maschine stets in null Komma nichts unter Kontrolle. Sein Fluglehrer lobte ihn über den grünen Klee und schwärmte bei den anderen Lehrern: „Dieser Alex ist ganz offenbar der geborene Flieger. Einfach Klasse, wie er das macht.“ Eines Abends, nach einem halben Dutzend Bierchen, lüftete Alex seinen Kameraden gegenüber das Geheimnis: „Ich bin doch nicht bescheuert und mach meine Augen zu!“

Wenige Wochen später startete Alex zu seinem ersten Solo-Nachtflug. Er geriet in eine tief hängende Wolke, 2000 Fuß über Grund. Er konnte nicht auf Instrumentenflug umschalten, weil er das nie geübt hatte. Zehn Sekunden später schloss er seine Augen für ewig. Beschiss rächt sich irgendwann. Immer. Ehrlich hingegen, währt am längsten und man braucht nie ein schlechtes Gewissen zu haben. Es gibt einen alten Country-Song von Val Doonican, den ich mir deshalb immer wieder in Erinnerung rufe: „Walk tall, walk straight, and look the world right in the eye!“

Von Andreas Fecker

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