Luftpost 134: 5LNC

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Foto: Bildarchiv Fecker

Luftfahrtkarten haben für manche Leute eine Faszination. Dort sind Sektoren eingezeichnet, Beschränkungs-, Sperr- und Gefahrengebiete, Kontrollzonen, Übungslufträume, Wegepunkte, Kreuzungen, Flugrouten, Streckenlängen, Verbindungsstrecken, Höhenangaben, Hindernisse, Navigationshilfen, Funkfeuer und Frequenzen. Man mag sich allerdings auch wundern, was da für Bezeichnungen zu lesen sind: Neben Klarnamen aus der unterlegten Landkarte, scheinbar nichtssagenden Drei-Buchstaben-Kürzeln und den bekannten ICAO-Codes für die Flughäfen gibt es da METRO, OSMAX, und TOBAK. Das geht ja noch. Aber ROLIS, ROKIM, REDLI, ANEKI, LOMPO, BIBOS, SULUS oder auch ULKIG? Vor kurzem fragte mich jemand dazu: „Wer denkt sich eigentlich solche Namen aus? Die sind ja allesamt nicht etwa in Afrika, sondern hier im Frankfurter Luftraum!“

Was für mich bisher eine Selbstverständlichkeit war, will ich hier doch einmal erklären. Da kommt ein Begriff ins Spiel, der selbst Fachleuten nicht unbedingt geläufig ist: 5LNC. Das ist kurz für Five-Letter-Name-Codes zu dem die ICAO Richtlinien herausgegeben hat. Jeder veröffentlichte Waypoint wird nämlich mit einer Koordinate unterlegt und sollte möglichst nur einmal weltweit vorhanden sein, zum Beispiel TULIP 52°22’N 3°51’E in den Niederlanden. Durch die Einzigkeit ist ausgeschlossen, dass der Autopilot eines Flugzeugs nach Passieren eines solchen „Significant Points“ plötzlich auf einen namensgleichen falschen Punkt zufliegt. Man geht sogar so weit, dass man Wegepunkte niemals verlegt oder umdefiniert. Vielmehr gibt man der neuen Koordinate einen neuen Namen, selbst wenn er nur einen Kilometer neben dem alten liegt. Zu groß ist die Gefahr, dass die Datenbasis eines On-Bord-Navigationscomputers noch nicht korrigiert wurde und so ungewollte Abweichungen erflogen werden.

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Da all diese Punkte fünf Buchstaben haben müssen, nutzt man das lateinische 26er-Alphabet und erlaubt Variationen mit Wiederholungen. Das ergibt 26^5 = 11.881.376 mögliche Kombinationen. Nun sollen diese Namen aber auch aussprechbar sein, sie müssen also Vokale enthalten. Sie sollen auch wegen der Intonation möglichst zweisilbig sein. Sie dürfen sich phonetisch auch nicht ähnlich anhören wie Punkte in der Nähe: CAMBO und GUMBO in Nachbarschaft zueinander geht zum Beispiel nicht, da hier Missverständnisse entstehen können. Und schon bestünde eine Unfallgefahr. Wenn man all diese Bedingungen beachtet, kommen halt schon mal solche Stilblüten heraus.

Eines nachts im Dezember 1995 verunglückte eine amerikanische Boeing 767 im Anflug auf Cali in Kolumbien. Statt ein Fix namens ROZO am Endanflug der Piste einzudrehen, bestätigte der Kopilot aus Versehen das Fix ROMEO, woraufhin der Autopilot den Kurs änderte und prompt gegen einen Berg flog. Dieser Unfall war Anlass zu grundlegenden weltweiten Änderungen bei Standardisierung und Auswahl von Bezeichnung im Luftverkehr.

Die ICAO behält sich die zentrale Genehmigung dieser Punkte vor. Sie gestattet allerdings eigene Vorschläge und prüft Verfügbarkeit, Phonetik und Klangähnlichkeit. Hierzu eine kleine Geschichte: Als mein NATO-TERPS Team 1995 die schwierigen Anflugverfahren auf Sarajevo konstruierte, brauchten wir drei „Significant Points“. Ich schlug die Spitznamen zweier meiner Designer vor, ROBBY und VINCE. Außerdem STEFY, nach dem Namen der Tochter eines amerikanischen Colonels, den ich im Streit um den Luftraum fürchterlich verprellt hatte. Nun wollte die Gruppe aber auch mich noch verewigen. ANDY hat aber nur 4 Buchstaben. Darum nannte man den Punkt HANDY. Da die Franzosen damals die Flugsicherung in Sarajevo stellten, war das einerlei, denn wie spricht ein Franzose HANDY aus?

Von Andreas Fecker

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