Luftpost 129: Airshows

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Foto: Bildarchiv Fecker

Sind Airshows noch zeitgemäß? Im vergangenen Sommer crashte bei einer Airshow in England eine Hawker Hunter auf eine Autobahn, es gab elf Tote. Tags darauf stießen bei einer Airshow in der Schweiz zwei Flugzeuge zusammen. In Österreich stürzte ein Pilot bei einer Airshow ab. Am 28. August jährte sich gerade wieder mal das Desaster von Ramstein vor fast 30 Jahren. Zeit, einmal über Sinn und Zweck dieser Luftfahrtspektakel nachzudenken.

Flugvorführungen haben die Menschen schon von jeher begeistert. Das war vor hundert Jahren, als auf dem Pariser Marsfeld Montgolfieren aufgestiegen sind und waghalsige Ballonfahrer ihr Leben riskierten nicht anders, als wenn die amerikanischen Blue Angels, die Thunderbirds, die britischen Red Arrows, die italienischen Frecce Tricolori, die Schweizer Patrouille Suisse oder die französische Patrouille de France ihre Schrauben, Loopings und Rollen fliegen. Die Menschen halten den Atem an, wenn die Maschinen über ihre Köpfe hinwegdonnern, scheinbar um Haaresbreite aneinander vorbei. Das Blut pocht bis zum Hals, wenn acht Eagles mit 16 Triebwerken in wenigen Metern Höhe über die Landebahn donnern, und ein weiterer vielleicht im Rückenflug den andern entgegenkommt.

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Zu Hunderttausenden kommen die Besucher, die Flugbegeisterten, die den Nervenkitzel erleben wollen, wenn Piloten ihr Leben riskieren. „Ave Caesar, morituri te salutant“ grüßten die todgeweihten Gladiatoren im römischen Colosseum den Imperator. Bei den Flugshows von heute hofft ein jeder, dass nichts passiert. Aber jeder weiß auch, dass die Gefahr mitfliegt. Der Zuschauer will die Sensation, will in der ersten Reihe stehen, denn eigentlich passiert ja nichts. Oder selten. Wie in Farnborough, wo zwei tschechische MiG-29 zusammenstießen. Oder in Le Bourget, wo die Tupolev 144 am Boden zerschellte. Oder in Lvov, wo eine Su-27 nach Bodenberührung in die Zuschauer raste, die sich blöderweise über die Absperrung hinweggesetzt hatten und bis zur Landebahn vorgedrungen waren, um ganz nahe am Geschehen zu sein. 83 Menschen sterben, 199 werden schwerst verletzt.

Oder in Ramstein, der bislang spektakulärsten Katastrophe, wo am 28.8.88 zwei Maschinen der Frecce Tricolori von einer dritten aus dem Himmel geholt wurden, wo brennende Flugzeugtrümmer in die Zuschauermenge stürzten, wo ebenfalls insgesamt 83 Menschen starben, wo fliehende Menschen in rasiermesserscharfen S-Draht-Rollen rannten, wo die Rettungskräfte zwischen hunderttausend Menschen stecken blieben, die auf panischer Flucht das Gelände verlassen wollten, wo in kürzester Zeit alle Krankenhäuser mit Verbrennungsopfern überlastet waren.

Und doch zieht es die Menschen wieder zu den Flugschauen. Die Wahrscheinlichkeit spricht halt dagegen, dass ihnen etwas passiert. Was bleibt, ist der Nervenkitzel, der Kerosingeruch, der uralte Traum des Menschen vom Fliegen. Fast jeder Staat der Welt außer Deutschland unterhält eine Kunstflugstaffel, mit der er sich präsentiert, mit deren Leistungen die Luftwaffen der Welt ihre Bürger versuchen zu überzeugen, dass der Wehretat gut angelegt sei. Kaum eine Air Base in den USA, die nicht einmal im Jahr „die Sau rauslässt“ und ihre Bürger damit begeistert; God bless America! Fast jeder Staat, mit Ausnahme von Deutschland. Denn am 17.7.1962 verlor die deutsche Luftwaffe beim Training ihre gesamte Kunstflugstaffel von vier Starfightern bei einem Unfall, noch vor der offiziellen Einführung des neuen Flugzeugs. Hier ist eine Auflistung der tragischsten Airshow Unfälle mit Zuschauerschäden:

6.9.1952 – Farnborough, England: Ein britischer Jet explodierte in der Luft und stürzte auf die Zuschauer. Mindestens 65 Menschen starben.

19.6.1965 – Paris Le Bourget, Frankreich: Während dem internationalen Aero Salon stürzte eine italienische Fiat G-91 auf einen Parkplatz. Neun Menschen starben, 12 wurden verletzt, 50 Autos zertrümmert.

24.9.1972 – Sacramento, California: Der Pilot eines Jagdflugzeugs verlor die Kontrolle gleich nach dem Start und stürzte in eine Eisdiele. 20 Menschen starben, davon 10 Kinder. Der Pilot konnte sich retten.

3.6.1973 – Paris, Frankreich: Der Prototyp der russischen Tupolev Tu-144 explodierte in der Luft während der Paris Air Show und stürzte auf ein kleines Dorf. Die 6-köpfige Crew und 9 Menschen am Boden kamen ums Leben.

5.9.1982 – Bad Dürkheim, Deutschland: Während einer Airshow stürzte ein amerikanischer Doppeldecker ab. Fünf Zuschauer kamen ums Leben, der Pilot wurde schwer verletzt.

11.9.1982 – Mannheim, Deutschland: Während der „Mannheimer Internationalen Luftschiffertage“ stürzte ein amerikanischer Hubschrauber vom Typ Chinook CH 47 mit 40 Fallschirmspringern aus England, Frankreich und Deutschland auf die Autobahn Mannheim-Heidelberg. Alle 46 Menschen an Bord fanden den Tod.

23.5.1983 – Frankfurt/Main, Deutschland: Während einer Airshow stürzt ein kanadisches Kampfflugzeug auf die Autobahn. Ein Fahrzeug wird getroffen. Alle sechs Passagiere des Wagens sterben, der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten.

26.6.1988 – Mulhouse-Habsheim: Ein neuer Airbus A320 schlug während einer Tiefflugvorführung im Rahmen einer Airshow in einem Wald auf. Von den 136 Personen an Bord kommen drei ums Leben, 133 überleben den Unfall.

28.8.1988 – Ramstein, Deutschland: Drei Maschinen der Frecce Tricolori stoßen in der Luft zusammen. Eine davon stürzt in die Zuschauer. 83 Menschen sterben, 199 werden verletzt.

22.10.1989 – Guayaquil, Ecuador: Ein Jaguar Kampfbomber stürzte während einer Vorführung in ein Wohngebiet. Zehn Menschen starben, neun wurden verletzt.

9.5.1993 – Nischni Tagil, Russland: Eine YAK-52 stürzte während den Feierlichkeiten anlässlich des 48ten Jahrestags des Kriegsendes ab. 18 Menschen starben, 20 wurden verletzt.

26.7.1997 – Ostende, Belgien: Ein Kleinflugzeug stürzte während einer Kunstflugvorführung in die Menge und schlug in der Nähe eines Rot-Kreuz-Zeltes auf. Neun Menschen starben, 57 wurden verletzt.

6.6.1999 – Bratislava, Slovakia: Eine British Aerospace Hawk 200 stürzte während ihrer Vorführung ab. Der Pilot und ein Zuschauer starben.

27.07.2002 – Lvov, Ukraine. Kurz vor dem Start entschieden sich die beiden Piloten wegen eines technischen Defekts noch schnell für eine andere Maschine. Diese war aber vollgetankt und zu schwer für die Manöver in geringer Höhe. Die Sukhoi Su-27 bekam Bodenberührung, überschlug sich in die Zuschauermenge und explodierte. Beide Piloten retteten sich mit dem Schleudersitz und blieben unverletzt. 83 Menschen starben, darunter 19 Kinder, 115 wurden zum Teil schwer verletzt.

24.06.2007 – Galway Air Show, Irland: Die Türe eines Hubschraubers der RAF fiel auf eine Zuschauermenge. Drei Personen wurden verletzt.

26.4.2008 – Flugplatz Kindel bei Eisenach: Ein Sportflugzeug kam von der Piste ab, raste in die Zuschauer, tötete einen und verletzte zehn.

5.9.2010 – Flugplatz Lauf-Lillinghof bei Nürnberg: Ein weiteres Sportflugzeug stürzte in die Zuschauermenge. Eine Tote, 38 Verletzte, fünf davon schwer.

6.9.2011 – Reno, Nevada: Eine P-51 Mustang geriet außer Kontrolle und crashte in die Zuschauer. Elf Tote, 69 Verletzte

5.5.2013 – Madrid: Ein Assistent des spanischen Verteidigungsministers starb, als sein Flugzeug bei einer Airshow in einen Hangar crashte. Vier Personen am Boden wurden verletzt

Ich habe ja volles Verständnis, dass Piloten trainieren müssen, den Envelope ihrer Maschinen austesten und durch präzises Fliegen ihr Einsatzmuster immer besser beherrschen lernen. Trotzdem frage ich mich, was treibt einen vernünftigen Menschen, sich als Zuschauer diesem Risiko auszusetzen?

Von Andreas Fecker

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