Luftpost 128: „Wilde Sau“

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Foto: Bildarchiv Fecker

Im neusten James-Bond-Film verfolgt Daniel Craig mit einem Flugzeug einen Landrover. Bei der Jagd bleibt wie üblich kein Auge trocken, denn getreu dem Grundsatz, „ein guter Fighterpilot fliegt nicht tief, er bricht durch’s Unterholz“ gibt es im Film reichlich Kleinholz. Ein alter Oberstabsfeldwebel vom Lufttransportgeschwader 61 in Landsberg dürfte dabei ein Déjà-vu haben. Es ist jetzt schon ein paar Jahrzehnte her, da landete ein kanadisches Vermessungsflugzeug eines Tages zu einer Besprechung beim Transallgeschwader in Landsberg am Lech. Nach dem Verlassen der Piste informierte der Tower die Crew, dass man sie auf „B16“ abstellen würde. Sie sollten einfach dem Fahrzeug folgen, das man ihnen schicken würde. Als dann tatsächlich ein olivgrüner VW-Bus auftauchte, meldete der Käpten „Follow-Me in Sicht“ und schaltete den Funk aus, offenbar in der Annahme, dass man in Kürze am Parkplatz sei, und schon mal mit der Shut-down-Procedure anfangen könnte.

Der vermeintliche Follow-Me-Fahrer kurbelte die Scheibe herab und sah zum Cockpit der kanadischen Maschine als wolle er sicherstellen, dass die Piloten ihm auch folgen würden. Dann setzte er sich in Bewegung, das Flugzeug folgte ihm. Zuerst nach links, dann zurück auf den Rollweg, rechts auf das Hallenvorfeld, dann im Zickzack zwischen verschiedenen Abstellflächen.

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„Wenn ich nicht ein so positives Bild von der deutschen Luftwaffe hätte, würde ich sagen, der Kerl ist entweder sternhagelvoll oder er ist auf LSD!“ kommentierte der Co-Pilot. „Der fährt wie eine gesengte Sau, ich komm ja kaum noch nach,“ fluchte der Käpten und schob die Gashebel noch weiter nach vorne. „Gleich müssen wir der Wildsau hinterher FLIEGEN!“

20 Meter vor dem Flugzeug drohte unser Oberstabsfeldwebel zu hyperventilieren. Der Techniker war nur aus Zufall vor Ort gewesen, um eine defekte Birne an der Rollwegbefeuerung auszutauschen. Und eigentlich wollte er nur dem Flugzeug Platz machen. Unversehens fühlte er sich aber verfolgt und schließlich über den ganzen Flughafen gehetzt. Endlich fiel ihm ein, dass er ein Funkgerät an Bord hatte. Er schaltete es ein und rief den Kontrollturm: „Tower, sagt dem wildgewordenen Piloten mal, er soll mich in Ruhe lassen!“

30 Meter über ihm lachten die Fluglotsen Tränen und versuchten vergeblich die Kanadier zu erreichen. Es war der alte Oberstaber selbst, der plötzlich auf eine Lösung kam. Mit durchgetretenem Gaspedal jagte er auf ein schmales Tor in der inneren Umzäunung zu. Mit der Hupe machte er den Wachsoldaten auf sich aufmerksam, der schnell die Schranke öffnete und sich dann in Sicherheit brachte. Das Flugzeug konnte noch rechtzeitig stoppen.

„Holy shit!“ rief der Käpten, „das war der wildeste Ritt, den ich je in einem Flugzeug hatte!“ „Ja“, antwortete, der Co-Pilot, „das ist Germany. No speed limits. Übrigens… sind wir hier wirklich auf dem Parkplatz B16? Ist ja ein wenig abseits, wenn du mich fragst.“ Dann deutete er auf eine sich nährende olivgrüne Limousine. „Aha, und der Commander holt uns persönlich ab. Good old Germany ist halt ein freundliches Land.“

Von Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 128: „Wilde Sau“”

  1. Frank Schüler sagt:

    Ach Andy, ich liebe Deine Geschichten! Aber es ist wie in der Seefahrt… Oft glaubt einem diese Geschichten niemand, nur die, die selbst solch schräge Erlebnisse hatten, sind die glücklichen Wissenden. 3 Jahre zur See, 20 Jahre Luftfahrt und davon noch 5 in den spannenden „Urlaubsländern“ wie Bosnien, Zentralasien und Nigeria, lassen mich mittlerweile alles glauben! Alles ist möglich! ?

  2. Ja, Frank. Und manches können wir nie erzählen! 🙂