Luftpost 117: Chaos Phasen

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Foto: Bildarchiv Fecker

“Tower, I’m on fire, fire, fire!” Ich konnte nichts, aber auch gar nichts tun, außer ihm den Weg zur Landebahn freihalten. Der doppelsitzige Starfighter zog nicht etwa nur schwarzen Rauch hinter sich her, sondern eine gleißende Feuerlanze, die lang und länger wurde, während das Flugzeug auf den Endanflug einkurvte. Die Piloten hatten keine Chance. Der Schubverlust war so groß, dass der Fighter kurz vor dem Aufsetzen an Höhe verlor und abstürzte. Nur Sekunden vor dem Aufschlag zündeten die Schleudersitze, dann verhüllten Feuer und Rauch die Szene. Die halbgeöffneten Fallschirme verschwanden in dem Inferno der explodierenden Maschine.

Es ist der Alptraum eines jeden Fluglotsen, eines Tages so etwas mitmachen zu müssen. Du kennst die Piloten, du kennst ihre Frauen und Kinder. Doch du musst dich zusammenreißen, Du musst weiter funktionieren, denn du arbeitest in Decimomannu, Italien, auf dem verkehrsreichsten, multinationalen Militärflughafen Europas, und du hast immer noch sieben Maschinen in der Luft, die du zur Landung holen musst, trotz der laufenden Rettungsaktion und der ausgebrochenen Hektik auf den beiden Landebahnen.

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Die Crashsirene heult, zehn Telefone klingeln, vier Bodenfunkkreise erwachen zum Leben, die Towerkonsole schnarrt und blinkt. Alles was Räder hat, fährt auf den beiden Landebahnen nach Süden zur Aufschlagstelle, eine halbe Meile im Endanflug. Beide Bahnen sind damit belegt. Mein italienischer Assistent schreit mir zu, er hätte die Bahnen gewechselt und hätte Anweisung gegeben, auf der inneren Bahn zu arbeiten wegen des Feuers vor der Primary. Ich zähle die Fahrzeuge. Auf der inneren Bahn sind aber mehr unterwegs, Techniker, Piloten, Crashcrew, Rettungswagen, Staff-Cars. Der deutsche Flight Safety Officer (FSO) fragt mich auf dem deutschen Bodenfunkkreis, wer den Schlüssel zum Crash Tor Süd hat. Ich ignoriere ihn, weil ein amerikanischer F-15 Pilot Luftnotlage wegen Spritmangel erklärt. Ich habe keine Runway frei, ich muss ihn herumschicken. Der FSO nervt noch immer. Ich belle ihn an, dass ich mich um einen solchen Scheiß jetzt nicht kümmern kann. Ich bedeute meinem Assistenten, dass auf der inneren Bahn zu viele Fahrzeuge sind, es ist leichter die große Bahn frei zu kriegen. Er reagiert nicht auf mich, er hat zwei Telefonhörer am Kopf. Ich reiße ihn an den Haaren und schreie ihm ins Gesicht, „wir benutzen die Primary Runway, die äußere Bahn.“

Der FSO brüllt mich an, er habe ein Recht auf eine Antwort. Ich merke, dass ich ihm auf Italienisch geantwortet hatte und wiederhole auf Deutsch, er solle sich mit der Feuerwehr auseinandersetzen. Ich verspreche der Maschine mit Luftnotlage die Landung aus dem nächsten Anflug. Ich nehme eine F-5 davor und jage sie im Tiefstflug über die Primary, als deutliches Zeichen an alle, dass dies die aktive Landebahn ist. In diesem Moment startet der Rettungshubschrauber. Er ruft auf VHF herein, die Lautsprecher für diese Frequenz sind auf der anderen Seite der Konsole, der Ground Controller hat das „störende Gequake“ längst abgedreht. Der Rettungshubschrauber startet ohne Kontakt zu mir und fliegt entgegen der Anflugrichtung zur Unfallstelle im Endanflug. Er kann die anfliegende F-15 nicht sehen, da der Wind die Rauchsäule in die Richtung bläst, aus der die Maschine kommt. Ich sehe den Hubschrauber in letzter Minute und entscheide aus dem Bauch heraus ihm Priorität zu geben und nehme die F-15 mit Spritmangel zum zweiten Mal herum. Der F-15 Pilot quittiert die Anweisung ungerührt und sagt, „ich habe noch Sprit für diesen Fehlanflug. Wenn ich danach nicht landen kann, muss ich aussteigen.“

Ich frage den Fuel State der anderen Maschinen ab und nehme sie hinter die F-15. Die Landungen klappen nun, eine nach der anderen, bis auf die siebente. Der Rettungshubschrauber startet wieder mit der Starfighter-Besatzung an Bord zum Krankenhaus, die Besatzung hatte wider Erwarten überlebt. Der Start erfolgte wieder ohne Funkkontakt, die Frequenz war ja immer noch abgedreht. Ich nehme die letzte Maschine noch einmal herum, sie landet drei Minuten später. Dann ist Stille. Niemand spricht ein Wort. Jeder versucht, das soeben Erlebte zu begreifen, zu verarbeiten.

Man nennt eine solche Eskalation von Ereignissen eine „Chaos Phase“. Wir diskutierten anschließend, was wir hätten anders machen können. Wir fügten die Erlebnisse der einzelnen Controller zu einem Mosaik zusammen, denn jeder hatte diese Chaos Phase anders erlebt. Wir warfen die Frage auf: „Kann man bei einem Crash überhaupt professionell reagieren?“ Jemand sagte: „Natürlich, wenn Du jeden Tag einen hast, kein Problem.“ Schließlich kamen wir zu der Überzeugung, dass wir alles gut gemacht hatten, klopften uns gegenseitig auf die Schultern und gossen uns abends fürchterlich einen auf die Lampe.

Hier könnte die Geschichte enden. Könnte. Was wir derzeit in Europa, und hautnah in Deutschland erleben, ist ebenfalls eine Chaos Phase. Wir werden überrannt von Menschen, die vor brutalen Bürgerkriegen flüchten. Kein Krieg mit unterscheidbaren Kombattanten. Regierung und Rebellen bekämpfen die Bürger des eigenen Staates, dazwischen die Terroristen des IS. Und die des Boko Haram. Und die der Taliban. Weder wir Bürger, die wir bisher in einer Gartenzwergidylle lebten, noch unsere Volksvertreter konnten sich jemals eine derart unkoordinierte Massenflucht aus fast dem ganzen Mittleren Osten und Nordafrika vorstellen. Niemand konnte sich auf dergleichen vorbereiten. Über uns bricht eine Völkerwanderung herein, die wir nicht mit geschlossenen Grenzen, Zäunen, Gesetzen, Vereinbarungen oder gar Waffen aufhalten könnten. Wir erleben eine Zeitenwende, und je schneller wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, umso schneller können wir die Herausforderung bewältigen. Ich möchte auch nochmal an meine Luftpost „Ellis Island“ vom April dieses Jahres erinnern.

Das Billigste und Nutzloseste, was wir jetzt tun können ist, auf unsere Volksvertreter abzulästern, dass sie nicht vorbereitet seien oder dass sie – ihrem Gewissen verpflichtet – den Flüchtlingen gegenüber zu viel Menschlichkeit zeigten. Liebe Leser, es wird Zeit, die Gartenzwerge in Rente zu schicken und alles in unserer Kraft stehende zu tun, die Situation zu meistern. Das Gefälle zwischen unserem Wohlstand und der Armut der Quellländer ist im Laufe der Jahrzehnte zu groß geworden. Wir durchlaufen alle zusammen einen Crashkurs in Krisenmanagement, den niemand von uns gebucht hat, und zu dem es keinen Leitfaden gibt, dafür viel Raum für Improvisation, Versuch und Irrtum. Pseudoreligiöser Fanatismus, gierige Kriegsherrn, egoistische Diktatoren und verbrecherische Warlords sind die Auslöser, den Flüchtlingen wird Haus und Heimat zerstört, die weltweite Vernetzung der Information durch Internet und Smartphones setzt neue Bedingungen, gewissenlose Schlepper sind die Profiteure. Migration gab es schon immer. Neu ist die Wucht, mit der sie uns trifft.

Ich musste 1999 im SFOR Headquarter in Sarajevo zu Beginn der Kosovo-Intervention kurzfristig ein Konzept entwickeln, wie man über die vier bosnischen Flughäfen geschätzte 100.000 Flüchtlinge aus Montenegro logistisch versorgt, sollte der Krieg auf das kleine Land übergreifen. Es ist glücklicherweise nicht passiert, und „Operation Provide Shelter“ wurde deshalb nie gebraucht. Wer weiß, ob der Plan funktioniert hätte? Aber ich habe deshalb eine Ahnung, unter welchem Druck die Verantwortlichen heute stehen.

Damals, bei mir auf dem Tower in Decimomannu, endete die Chaos Phase nach fünf bis zehn Minuten. Jeder von uns war dadurch ein Stück reifer geworden. Die Chaos Phase, die wir derzeit erleben, strebt ganz sicher erst dem Höhepunkt entgegen, weil sie um vieles größer ist, weil noch immer zu viele Unbekannte ins Spiel kommen, und weil keine zentrale Kraft in Europa eine Ordnung herstellt. Hoffen wir, dass wir die Situation bis zum Winter im Griff haben und lernen, aus dieser überaus menschlichen Erfahrung zu wachsen. Hoffen wir auch, dass wir die Chancen aus der Zuwanderung in unsere negative Bevölkerungsentwicklung erkennen. Richtig umgesetzt werden uns die Länder später beneiden, die heute vor den Schwierigkeiten kneifen, weil sie es sich nicht zutrauen.

Von Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 117: Chaos Phasen”

  1. Fritz Schmitz sagt:

    Hallo Andy, ein sehr guter Vergleich. Aber auf dem Tower hast du es bei einer Notlage überwiegend mit kooperativen Mitspielern zu tun, die sich an deine Anrweisungen und allgemeine Regeln halten. Hier sehe ich den großen Unterschied und die größten Probleme noch kommen.

  2. F.Hafner sagt:

    Super ich sehe es auch so.