Luftpost 112: Waldbrand

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Andreas Fecker – Foto: Fecker

Kalifornien, Spanien, Portugal, Griechenland, Frankreich, Italien. Täglich erreichen uns neue Nachrichten und Bilder von brennenden Wäldern, von Feuersbrünsten, die Häuser verschlingen, Menschenleben kosten, Strassen überspringen, Ernten vernichten und ganze Landstriche zu schwarzen Aschezonen verwandeln. Im Zeitalter der globalen Erwärmung durchleben wir Wetterphänomene, die man früher in Jahrhunderten gemessen hat, die sich aber in immer kürzeren Abständen wiederholen und offenbar zu Geiseln der Menschheit werden. Die Feuerwehren sind in vielen Ländern mit tausenden von Kräften im Dauereinsatz. Die Hitze geht allerdings Hand in Hand mit Dürre, niedrigen Wasserständen und Bächen statt Flüssen, vertrocknenden Teichen, was das Löschen nicht gerade einfacher macht. Auch bei uns steigt die Waldbrandgefahr, trotz gelegentlichem Regen.

Hilfe kommt meist aus der Luft. In Russland und Nordamerika sind an strategischen Orten Smokejumper stationiert. Diese „Feuerspringer„, unter ihnen auch einige Frauen, gehören wahrscheinlich zu den härtesten Vertretern der Gattung Homo Sapiens. Sich kopfüber in großer Höhe aus einem Flugzeug zu stürzen ist ja eine Sache, über einem Wald abzuspringen und eine Landung im Geäst riskieren eine ganz andere. Am Rande einer Feuersbrunst zu landen ist schon tollkühn, und das Ganze auch noch mit 50 Kilo Ausrüstung am Leib, mit der man sich dem Feuer nähert, um mit großen Motorsägen Brandschneisen zu legen, Gegenfeuer zu entzünden und sich notfalls einzugraben, falls die Feuerwalze den Trupp in die Enge treibt, dazu gehört unendlich viel Kraft, Ausdauer, Willensstärke, Kühnheit und Geschick.

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Mit diesem Anzug springen die Smokejumper aus dem Flugzeug – Foto: Andreas Fecker

Ich hatte die Gelegenheit in McCall, Idaho, eine Smokejumperbasis während einer Fire-Season zu besuchen. Außer einem Dispatcher und einem Einsatzleiter waren die Hallen menschenleer. Etwa 40 Mann waren in sechs Teams bei verschiedenen Waldbränden im Einsatz. Die Kevlar verstärkten Anzüge aus feuerfestem Material sind an einem Holzgestell aufgehängt, das den Einstieg erleichtert. Ein hoher Kragen und ein vergitterter Helm schützen den Träger bei Landungen in Bäumen. Falls sich der Schirm in der Krone verfangen sollte, muss er vom Baum herabklettern. Ein Seil dazu befindet sich in einer Beintasche. Die Teams arbeiten sich an der Feuerfront entlang und bleiben vor Ort bis das Feuer erfolgreich bekämpft ist. Aus der Luft werden sie unterstützt durch Abwurf von Trinkwasservorräten und Verpflegung. Von dort erhalten sie auch über Funk Hinweise über Wind und Wetter und über Einsätze von Wasserbombern.

Löschflugzeuge gibt es in verschiedenen Größen, von der amphibischen Canadair CL-215 und CL-415 über die Ilyushin76 von Bombardier bis zur umgebauten Boeing 747. Die CL-415 kann in 12 Sekunden 6000 Liter Wasser aufnehmen. Ist also ein Gewässer in der Nähe, ist das ein hocheffektives Instrument um ein Flächenfeuer zu bekämpfen.

Für hartnäckige Waldbrände hat die Firma Evergreen Aviation vier alte Boeing 747 umgerüstet: Sie kann ein Vielfaches an Löschmasse abwerfen. Mit 90.000 Litern Tankinhalt wird auch eine höhere Lösch-Ökonomie erreicht. Das heißt, die Nachhaltigkeit des Einsatzes kann vergrößert werden. Bei der Evergreen 747 wird das Löschwasser mit hohem Druck durch vier dicke Rohre herausgepresst. Dies kann entweder im Tiefflug geschehen, was für ein massiv brennendes begrenztes Feuer meist besser ist, oder es kann in großen Höhen gesprayt werden. Damit wird dann die Luftfeuchtigkeit erhöht, Regen wird simuliert. Sind alle vier Flugzeuge im Einsatz, werden sie sich abwechseln. Eines löscht gerade, ein zweites ist auf dem Rückflug, ein drittes auf dem Hinflug und das vierte wird gerade betankt. Der Betankungsvorgang dauert etwa 25 Minuten.

Wasser Marsch! – Foto: Evergreen Aviation

Andere Wasserbomber, wie zum Beispiel die IL-76 fliegen ein ganz anderes Einsatzprofil. Hier wird die hintere Ladeklappe geöffnet und 38.000 Liter Wasser fallen auf den Brandherd. Ist genügend Zeit vorhanden, gibt man dem Wasser Schlamm hinzu, um die Aufprallwucht zu vergrößern. Außerdem kann man chemisches Retardant beimischen. Die Zugabe von Dünger ermöglicht eine schnellere Wiederaufforstung.

Aber wie bei den Feuerspringern ist auch bei den Piloten Sorgfalt und Professionalität gefragt. Vor dem Abwurf vergewissert sich die Crew, dass hinter dem Rauch keine Überraschung lauert, wie zum Beispiel ein Bergrücken. In den jeweiligen Brandherden herrschen Temperaturen zwischen 650 und 1.000 Grad Celsius. Fliegt man zu hoch, verdunstet ein Teil des Wassers, fliegt man zu tief, kann man nach dem Abwurf den Lastwechsel vom Heck zum Bug nicht schnell genug austrimmen. In jedem Fall geht es mitten durch die Rauchwolken. Der Rauch nimmt den Triebwerken den Sauerstoff und etwa 20% der Leistung, wenn sie am dringendsten benötigt wird. Gleichzeitig herrschen Turbulenzen und Verwirbelungen. Dazu kommen vertikale Strömungen: Über dem Feuer nach oben, davor und dahinter nach unten. Die Crew wird im Cockpit gebeutelt, auf und ab und hin und her. Der Luftdruckhöhenmesser spielt verrückt. Im Cockpit riecht es nach Rauch, ein Umstand, den Piloten gar nicht mögen. Mit welcher Wucht das abgeworfene Wasser wirkt, wurde bei einer Flugvorführung auf dem kanadischen Flughafen Abbotsford deutlich. Sechs Tonnen Wasser landeten statt auf einem extra gelegten kleinen Buschfeuer … auf dem Parkplatz des flugplatzeigenen Einkaufszentrums. 56 Autos wurden zertrümmert, einem Passanten die Knochen im Leib zerbrochen!

Beim Waldbrand 1983 in Niedersachsen kam erstmals eine Transall der Bundeswehr zum Einsatz. Dafür hielt man einen Tank vorrätig, der 12.000 Liter Löschmasse fasste. Auch in Sardinien half die deutsche Luftwaffe, Waldbrände zu bekämpfen. Hoffen wir, dass bei uns nichts großflächig anbrennt, denn bei der derzeit prekären Ausrüstungslage der Bundeswehr müssten wir im Ernstfall Nachbarländer bitten, uns Löschflugzeuge zu schicken, sofern sie dort nicht gerade im Einsatz sind.

Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 112: Waldbrand”

  1. Wolfgang Zimber sagt:

    Als Laie sieht man in der Tagesschau fuer ein paar Sekunden Loeschflugzeuge ueber Waldbrandgebiete fliegen.
    Was wirklich dahinter steckt, wird von Andreas Fecker wieder mal hervorragend und spannend erklaert.
    Dafuer gebuehrt dem Autor grosser Dank. Die Lektüre der LuftPost ist stets ein Vergnuegen der besonderen Art.
    Wolfgang Zimber