Luftpost 110: Eine Frage des Blickwinkels

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Andreas Fecker – Archiv Fecker – Das ware Zeiten, als man auf einem Passfoto noch lächeln durfte!

1956 an einer Grundschule in Konstanz. Ein Erstklässler malt eine grüne Wiese. An den oberen Rand der Wiese malt er eine braune Kuh. Die Lehrerin – Gott habe Frau Hettinger selig – kritisiert das Bild und sagt, ‚Du musst die Kuh mitten in die Wiese malen, nicht auf den Rand.‘ Hätte der enttäuschte Junge gewusst, was er heute weiß, hätte er geantwortet: ‚Sie sind groß und sehen die Kühe von oben. Für Sie stehen sie in der grünen Wiese. Ich bin klein und sehe die Kühe von unten. Ich sehe sie gegen den Himmel.‘ Offenbar eine Frage des Blickwinkels.

Airlines, Luftfahrtforschungszentren und Hersteller arbeiten daran, Flugzeuge leiser zu machen. Die Fortschritte sind klein, nachträgliche Umsetzungen dauern oft lange. Aber es passiert etwas und es geht in die richtige Richtung. Fluglärmgegner beklagen hingegen, es würde immer lauter und Airlines und Luftfahrtindustrie würden Baby-Schritte als Millenniumserfolge feiern. So hat die Nachrüstung der A320 mit je vier handtellergroßen Wirbelgeneratoren an den Tankentlüftungen von den ersten Versuchen bis zur Verwirklichung bei den ersten hundert Flugzeugen der Lufthansa fast 15 Jahre gedauert. 2007 wurden sie von der EASA zertifiziert. In dieser Zeit nervte das Pfeifgeräusch beim Anflug in Landekonfiguration die Anwohner. In denselben 15 Jahren wurde der Airbus A380 vom Entwurf zur Serienreife gebracht, immerhin das größte Passagierflugzeug der Welt. Aus diesem Blickwinkel ist das für die Fluglärmgegner Beweis genug, dass die Luftfahrt nicht ernsthaft genug an der Lärmbekämpfung arbeitet. Könnte man diesem Verdacht von Seiten der Airlines nicht mit relativ wenig Aufwand entgegenwirken?

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Ein Dezibel hier, zwei Dezibel da, was Forschung und Airlines in bunten Pressemitteilungen als Ei des Kolumbus feiern, ist für die Flughafen-Anrainer kaum wahrnehmbar und wird auch prompt mit Hohngelächter quittiert. Denn erstens würden die „Minifortschritte“ nicht von allen Airlines umgesetzt und zweitens gingen sie in der Masse des Verkehrs unter. Bei aller Kritik an der Langsamkeit der Nachrüstung wird jedoch gerne übersehen, dass die Summe der Maßnahmen auf Dauer tatsächlich eine spürbare Lärmminderung bewirkt. Vor 20, 30 Jahren jedenfalls zogen startende Boeing 707 noch schwarze Rauchfahnen hinter sich her und Galaxies mit brüllend lauten Triebwerken ließen die Wände erzittern. 24 Stunden am Tag. Offenbar ist also auch das eine Frage des Blickwinkels. (Nachtrag 12.10.2015: Airbus gibt bekannt, dass mittlerweile alle neu ausgelieferten Flugzeugemit diesen Wirbelgeneraoren ausgerüstet werden.) Jemand hat mal einen klugen Spruch ersonnen, der alle negativ eingestellten Menschen zum Nachdenken bringen sollte: „Klage nicht, dass der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue Dich darüber, dass der Dornenbusch Rosen trägt.“

Von Andreas Fecker

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