LUFTPOST 11: Schicksalsgemeinschaften

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Andreas Fecker Foto: Dierk Wünsche

In der kommenden Woche jährt sich der 11. September 2001 wieder, der Tag, der die Welt nachhaltig verändert hat. An jenem Tag entführten ein Dutzend gewissenloser Verbrecher mehrere Flugzeuge und steuerten sie mitsamt ihren Passagieren unter anderem in das World Trade Center in New York. Das Verbrechen ist an Niedertracht nicht zu überbieten. Seitdem wurden Billionen, wenn nicht Billiarden von Dollar in Aufwendungen gesteckt, mit denen man viel Gutes hätte tun können. An jenem Tag endete für viele Menschen das friedliche Zusammenleben zwischen den Völkern.

An jenem Tag fanden aber auch Menschen zusammen, deren Wege sich nie gekreuzt hätten. An jenem Tag zeigte sich auf der ganzen Welt Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Hier ist eine der vielen Geschichten, die die Herzen berühren. Jerry Brown, ein beteiligter Flugbegleiter hat sie uns erzählt.

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Am Morgen des 11. September verließ Delta Airlines Flug DL15 Frankfurt in Richtung Atlanta. Nach fünf Stunden Flug erhielt die Crew die nüchterne Nachricht: “Der Luftraum über den USA ist für jeglichen Passagierverkehr gesperrt. Landen Sie sofort an dem nächstgelegenen Flughafen und teilen Sie uns mit, wo Sie sind.“ Der Käpten entschied sich für Gander, Neufundland. Er wunderte sich, dass die kanadische Flugsicherung überhaupt nicht nach dem Grund fragte. Mittlerweile erhielt die Crew eine weitere Nachricht aus der Delta Zentrale in Atlanta über terroristische Aktivitäten in New York. Häppchenweise wurden sie weiter informiert. Die Crew entschied sich, die Passagiere über den Grund der Ausweichlandung zu belügen, solange sie noch nicht am Boden waren. Der Käpten erzählte etwas von einem Instrumentenproblem, das man in Gander reparieren müsse.

Als DL15 um 12:30 Uhr mittags auf dem Vorfeld abstellte, standen schon etwa 20 Maschinen aus der ganzen Welt vor ihnen, und weitere kamen hinzu. Jetzt erst rückte der Käpten mit der Wahrheit heraus: „Ladies und Gentlemen, Sie werden sich wundern, warum so viele Flugzeuge offenbar das gleiche Instrumentenproblem haben wie wir. Tatsächlich gibt es einen anderen Grund…“

Die Passagiere waren erschüttert, als sie die Einzelheiten erfuhren, soweit sie bereits bekannt waren. Gander Ground Control bat darum an Bord zu bleiben, um ein Chaos am Flughafen zu vermeiden.

Das Flugzeug und die 218 Passagiere wurden mit Wasser versorgt, regelmäßig schaute die Polizei vorbei und sah nach dem rechten. Mittlerweile standen 53 Passagierflugzeuge auf dem Vorfeld, viele davon Großraumjets. Ground Control gab bekannt, dass die Luftraumschließung in den USA länger dauern sollte. Man würde nun mit der systematischen Evakuierung der Passagiere beginnen. Um 18 Uhr wurde der Crew mitgeteilt, dass DL15 um 11 Uhr am folgenden Morgen dran sei. Logisch, dass an Bord niemand glücklich darüber war, die Nacht im Flugzeug verbringen zu müssen. Das Airport Management sorgte weiterhin für Wasser und leerte auch die Toiletten. Eine junge Frau an Bord war in der 33. Schwangerschaftswoche. Sie wurde besonders umsorgt. Auch ein ärztlicher Notdienst stand bereit.

Am folgenden Vormittag um 10:30 Uhr fuhr ein Konvoi von Schulbussen vor. Die Passagiere wurden eingeladen und beim Zoll auch noch gleich vom Roten Kreuz registriert. Die Crew wurde in ein Hotel gebracht, während die Passagiere wieder in die Busse stiegen. Gander hatte 10.400 Einwohner, die Krisenmanager mussten 10.500 Passagiere unterbringen. Die Behörden requirierten alle Schulen im Umkreis von 75 km, Stadthallen, Sporthallen, Hotels und Pensionen, organisierten Pritschen, Matten, Matratzen, Schlafsäcke, Kissen und Decken. Familien wurden nicht getrennt, wenn Frauen nicht mit Männern zusammen untergebracht werden wollten, wurde auch das ermöglicht. Alte Menschen fanden Unterkunft bei Familien in Privathäusern.

Alle Schüler und Studenten wurden verpflichtet für das Wohl der Gäste zu sorgen. Die Passagiere von DL15 wurden in der High School des 45 km entfernten Lewisporte untergebracht. Die schwangere Frau fand sich in einer Privatunterkuft gegenüber einer Krankenstation. Krankenschwestern und Altenpfleger kümmerten sich über den ganzen Zeitraum um die Gäste. Jedem stand ein Telefon zur Verfügung, von wo er einmal pro Tag nach Hause telefonieren durfte. Tagsüber kümmerten sich die Gastgeber um Ausflugsprogramme, Bootsfahrten, Wanderungen. Die örtlichen Bäckereien legten 24-Stundenschichten ein. Die Einwohner bereiteten Mahlzeiten zu und brachten sie in die Schulen. Die Passagiere erhielten Wertmarken für die Waschsalons, denn das Gepäck war nicht entladen worden. Das Rote Kreuz behielt den Überblick über jeden einzelnen der 10.500 Passagiere.

Als dann der Luftraum über den USA wieder geöffnet wurde, organisierten die Krisenmanager den pünktlichen Transport zum Flugzeug. Niemand fehlte! Mittlerweile kannten sich alle Passagiere mit Vornamen. Sie erzählten sich rührende Geschichten von Gastfreundschaft und tollen Erlebnissen, es wurden Telefonnummern und Adressen ausgetauscht. An Bord herrschte geradezu Partystimmung.
Auf dem folgenden Flug nach Atlanta ergriff ein mitreisender Arzt das Wort: „Liebe Freunde. Wir haben hier so viel Gastfreundschaft erlebt. Ich würde gerne für die Schüler der Lewisporte High School sammeln und eine Stiftung gründen. Sie soll den Namen ‚Delta15‘ tragen. Diese Stiftung soll dann Stipendien für die Schüler ausschütten.“ Alles stimmte zu, es kamen noch an Bord 14.000 Dollar zusammen. Der Arzt verdoppelte die Summe und übernahm die Verwaltung des Fonds. Heute, zwölf Jahre später sind 1,5 Millionen Dollar in dem Fond!

Dies ist nur eine der vielen Geschichten, die der 11. September in seinem Kontrastprogramm zum blindwütigen Terrorismus mit sich führte.

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