Luftpost 109: „OCC“

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Foto: Bildarchiv Fecker

Der Betrieb einer Airline ist vom reibungslosen Ablauf einer weltumspannenden Organisation abhängig, die allerdings zahlreichen potentiellen Störfaktoren ausgesetzt ist, auf die die Airline selbst keinen Einfluss hat. Streiks in Frankreich, Krieg im Nahen Osten, politische Differenzen mit Russland oder China, ein Ausfall der Treibstoffversorgung in Südamerika, Fume Event auf dem Weg nach Südafrika, Schneechaos in Boston, ein geschlossener Flughafen in Nigeria oder eine Notlandung in Kasachstan, weil ein Passagier dringend ärztliche Hilfe benötigt. Das sind nur einige Beispiele, die ein unverzügliches Eingreifen erfordern, um negative Folgen für Passagiere, Besatzung, den Umlauf des Flugzeuges und die Kosten für die Airline so gering wie möglich zu halten. Bei einem interkontinental operierenden Mega-Carrier wie Lufthansa oder American Airlines fallen pro Tag zwischen 1000 und 2000 Flüge an. Zu jeder Zeit befinden sich irgendwo in der Welt mindestens 100 Maschinen der entsprechenden Airline in der Luft, täglich sind tausende Piloten und Flugbegleitern unterwegs. Da ist ständig irgendwo mit betrieblichen Störungen der unterschiedlichsten Art zu rechnen.

 Der komplexe Aufbau einer solchen Fluglinie und das Ineinandergreifen vieler Mosaiksteine erfordert ein Höchstmaß an Flexibilität, wenn an irgendeiner Stelle plötzlich etwas schief geht. Da zum Beispiel viele Airlines innerhalb ihrer Partnerschaften und Allianzen Code-Share Flüge anbieten, können diese nicht nach Belieben umgebucht werden. Anschlüsse an abgestimmte Flugpläne müssen passen, Airport-Slots, Nachtflugverbote und maximale Arbeitszeiten der Besatzungen (Crew-Duty-Times) müssen berücksichtigt werden. Eventuell benötigte Ersatzcrews müssen im Besitz der erforderlichen Erlaubnisse, Musterzulassungen und Simulatorstunden sein. Wird irgendwo auf Grund eines technischen Defekts kurzfristig ein Ersatzflugzeug gebraucht, so sollte dies in etwa die gleiche Kapazität besitzen, wie die ausgefallene Maschine. Handelt es sich um ein anderes Flugzeugmuster, ist die technische Querversorgung von der Passagiertreppe bis zu den Technikern vor Ort mit einer gültigen Zulassung für das Muster sicher zu stellen.

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Während die flugplanmäßigen Abläufe standardisiert sind und ständig optimiert werden, obliegt es dem Operations Control Center (OCC), die Einhaltung der Routine zu überwachen und möglichen Störungen zu begegnen. Jeder Carrier unterhält ein solches Nervenzentrum, nur der Name unterscheidet sich von Airline zu Airline. Ansammlungen von Computer Screens, Fernsehschirmen und Satelliten-Monitoren fast wie an der Börse vermitteln ein Live-Bild über die aktuelle Position der gesamten Flotte. So genannte Gantt-Charts geben Auskunft über die Flugzeugumläufe, Farbcodes über den Einsatzstatus der Maschinen am Boden.

Dabei wird die Arbeitsteilung bei allen Airlines ähnlich sein: Die Operationskontrolle überwacht den Verkehr, greift bei Störungen in den Flugplan ein, koordiniert auftretende Verspätungen mit dem restlichen Flugbetrieb und alarmiert bei Krisen. Die Crew-Kontrolle überwacht die Vollständigkeit der Besatzungen und steuert bei Bedarf Personal nach, das dann rechtzeitig vor Ort sein muss. Die Flugzeugeinsatzzentrale sorgt bei Ausfällen für Ersatzmaschinen und bildet die Schnittstelle zur Technik. Die Flugdienstberatung plant bei Bedarf neue Routen wegen Wetters oder politischen Gegebenheiten und koordiniert Änderungen mit der Flugsicherung. Sollte eine Maschine wegen eines Nachtflugverbots stehen bleiben, müssen die Passagiere untergebracht werden. Vorzugsweise werden dafür Hotels angemietet. Für Transitpassagiere ohne Visum werden Pritschen aufgestellt. Jeder Arbeitsplatz verfügt über modernste Kommunikationsmittel zu den Crews im Flugzeug und den Fachleuten am Boden. Kleine, überschaubare Arbeitsgruppen können sich bei einem auftretenden Problem schnell austauschen. Die kurzen Wege und der geballte Erfahrungsschatz helfen den „Troubleshootern“, besonnen und effektiv zu reagieren. Bei einer größeren Krise können sofort Auswärtiges Amt oder Polizeibehörden zugeschaltet werden, sofern erforderlich.

Der reibungslose Betrieb bedingt die totale Überwachung eines geschlossenen Kreislaufs, „steuern statt gesteuert werden“ ist die Devise. Information ist die Grundlage richtiger Entscheidungen, nicht nur wenn es um Millionenwerte der Airline geht, sondern auch dann, ob der Passagier auf Platz 23C nach Los Angeles noch seinen Anschluss nach Honolulu erreicht oder nicht. Alle Details sind wichtig. Die Beobachtung der Erde aus dem All hilft, Wettertendenzen zu erkennen und frühzeitig mit alternativen Routen zu reagieren. Auch alle wichtigen Nachrichtensender werden weltweit verfolgt, um politische Unruhen im Keim zu erkennen und Notfallpläne zu entwickeln. Beim morgendlichen Briefing wird die Weltlage erörtert, damit man nicht von einer plötzlichen Krise überrascht wird.

Große Airlines haben alles zu jeder Tages- und Nachtzeit unter Kontrolle. Sogar die Triebwerkswerte unterliegen einer Ferndiagnose. So können evtl. auftretende Probleme frühzeitig erkannt werden, die Crew erhält ein Maximum an Support, dem Captain werden Entscheidungshilfen an die Hand gegeben, die geeignet sind, Unannehmlichkeiten für die Passagiere zu vermeiden und Kosten zu sparen. Für die Arbeit im OCC sind Detailkenntnis, schnelle Auffassung, logisches Denken, ein Sinn für Gefahr, Mut, Entscheidungsstärke und Weitsicht gefragt. Das ist kein Job für fleischgewordene Ärmelschoner mit Rückversicherungsdrang.

 Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 109: „OCC“”

  1. Volker Gross sagt:

    Sehr gute und vor allem kompakte Beschreibung eines komplexen Themas.
    Thank you, Andy and good luck 😉
    Volker