Im Griff von Würgefeigen und Kapokbäumen – Angkor

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Angkor Wat – Das imposante Wahrzeichen der Tempelstadt und des Staates Kambodscha. Foto: Dierk Wünsche

Es gibt Orte auf der Welt, die die Seele tief berühren. Seien sie so berühmt wie die Ruinenstadt Machu Picchu in den Anden oder eher unbekannt, wie beispielsweise das Hindu-Heiligtum des schlafenden Vishnu, der in Form eines riesigen schwarzen Monolithen in einem Wassertümpel in der Nähe von Kathmandu ruht. Einige Besucher spüren die tiefe Magie, die diesen Stätten inne wohnt, und sind ergriffen. Andere lässt diese wiederrum völlig kalt. Eine geheimnisvolle Aura umgibt auch die Tempelstadt Angkor in Kambodscha. Diese liegt rund 240 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Phnom Penh und gehört zum Kulturerbe der Menschheit.

Nur mit Hilfe von Elefanten konnten die Stein- und Ziegelmassen transportiert werden Foto: Dierk Wünsche

Der besondere Reiz eines Besuchs von Angkor liegt nicht im Abhaken der schier zahllosen Sehenswürdigkeiten, die sich aus gewaltigen Tempelanlagen, einzelnen Städten, weitläufigen Seen und Kanalsystemen zusammensetzen. Er liegt vielmehr im Erleben und Aufnehmen der großartigen Atmosphäre, wie sie wohl nirgendwo sonst auf der Erde zu finden ist. Anfangs gleicht eine Ruine der anderen, man hat keinen Blick für Details. Die Macht der Steine ist zu erdrückend. Erst nach einigen Tagen kommt das Gefühl für Einzelheiten, Stimmungen, Momente, Spiele des Lichts und der Schatten. Dann erkennt man mit wie viel Liebe und Perfektion etwa die Künstler das milde Lächeln auf dem Gesicht einer Tänzerin herausgearbeitet haben. Ein Lächeln, in das man sich heute noch spontan Verlieben kann. Viele Besucher kommen deshalb zu verschiedenen Tageszeiten an die selben Tempel zurück. Andere verbringen viele Stunden mit Fotografieren, Malen, Musikhören oder einfach in stiller Meditation.

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Jede Anlage hat ihren eigenen Zauber Foto: Dierk Wünsche

Das Universum der hinduistischen Mythologie
Gerade bei Sonnenuntergang breitet sich eine fast mystische Atmosphäre über die einzelnen Tempel aus. Fast scheinen die von der brennenden Sonne aufgeheizten Steine den Besuchern ihre Geschichte erzählen zu wollen. Denn wer Angkor besucht, sollte sich darüber klar sein, dass er die perfekte Nachbildung des Universums, wie es in der hinduistischen Mythologie beschrieben wird, betritt. Die Wassergräben symbolisieren das Urmeer, Gräben und Galerien die Gebirgsketten und die Türme den Sitz der Götter.

Angesichts der gewaltigen Ausmaße der Region Angkor, geografisch umfassen sie eine Fläche von 232 Quadratkilometern, und der unglaublichen Kunst- und Vielfältigkeit ihrer Architektur, wird der Besucher zunächst regelrecht erschlagen. Nicht nur Kunstfreuden bleibt bei der Betrachtung des Detail- und Ideenreichtums der Atem weg. Welche wirtschaftliche Kraft muss das Khmervolk gehabt haben, um solche Bauten errichten zu können? Welche unmenschlichen Kraftanstrengungen waren notwendig, um diese Steinmassen zu erzeugen, zu bewegen und sie zu bearbeiten? Über welches Wissen und welchen Ideenreichtum verfügten die Architekten, die ein religiöses Ensemble in dieser Dimension planten und ausführten? Angkor ist noch immer eine gewaltige Herausforderung für die Archäologen aus aller Welt. Denn auch heute noch gibt der Urwald seine Geheimnisse rund um Angkor nur sehr hartnäckig preis.

Auch heute bringen die Einheimischen jede Menge Opfergaben zu den Tempelanlagen Foto: Dierk Wünsche

Die größte Stadt der Erde
Einst bildete Angkor, von König Jayavarman II. im Jahr 802 anlegt, den politischen und religiösen Mittelpunkt des Khmerreiches. Dieses war zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert die wichtigste Macht in Südostasien. In ihrer Blütezeit lebten in der Metropole bis zu eine Million Menschen, die damit die größte Stadt auf der Erde war. Viel ist über das Leben in der alten Khmerhaupstadt nicht bekannt. Außer einem chinesischen Gesandten namens Chou Ta-Kan, der im Jahr 1296 in Angkor ankam und seine Eindrücke niederschrieb, gibt es keine Zeitzeugen. Dieser schwärmte von Palästen und Pagoden, von Konkubinen und unermesslichen Goldschätzen. Dabei waren die zahlreichen Tempel Angkors als Wohnstätten allein den Göttern vorbehalten. Selbst der König der Khmer residierte in einem Palast aus Holz. Das einfache Volk siedelte am Rand der Tempel in schlichten Hütten. Die Architektur der sakralen Bauwerke war zunächst vom indischen Baustil geprägt, aber schon bald verwandelten die Baumeister ihre Ideen und ihre Kreativität in einem eigenen, typischen Baustil.

Im Würgegriff der Vegetation
Nach dem Niedergang des Khmerreiches Mitte des 15. jahrhunderts wurde die Stadt von den Einwohnern nach und nach verlassen. Nur buddhistischen Mönchen dienten die Tempelanlagen, selbst wenn sie ursprünglich einmal hinduistischen Göttern geweiht waren, viele Jahrhunderte als Wallfahrtsort. Über Jahrhunderte entwendeten Plünderer nun fast alle Bronzestatuen und die üppigen Kupferverkleidungen aus den Anlagen. Wesentlich brutaler fiel die tropische Vegetation und das Monsunklima über Angkor her. Die Regenfälle und die Wurzeln der Urwaldriesen sprengten selbst die dicksten Mauern und legten sie in Schutt, um sie sodann mit dem Würgegriff einer gigantischen Schlange scheinbar für alle Ewigkeit umarmen zu wollen. Im Jahr 1860 stieß dann der französische Naturkundler Henri Mouhot auf dem Weg nach Laos per Zufall auf die Ruinenstadt. Sein Bericht weckte erstmals das Interesse der westlichen Welt, insbesondere der Franzosen, an der mysteriösen Tempelanlage im Urwald.

Die Kinder können wieder lächeln, viele älteren Menschen hingegen sind vom Terror der Roten Khmer nach wie vor traumatisiert Foto. Dierk Wünsche

Das größte sakrale Bauwerk der Erde
Das berühmteste Bauwerk der Stadt ist die Tempelanlage Angkor Wat, auch „Tempel des Lichts“ genannt. Es ist das größte religiöse Bauwerk der Erde. Einst war Angkor Wat eine Stadt in der Stadt mit bis zu 20.000 Einwohnern. Der Bau, bei dem wahrscheinlich Hunderte von Elefanten zum Einsatz kamen, dauerte rund 37 Jahre. Dabei wurden ebenso viele Steine verwandt, wie für die Cheopspyramide, nur mit dem Unterschied, dass jeder einzelne Baustein kunstvoll dekoriert wurde. 150 Meter breite Wassergräben umgeben noch heute die Tempelanlage, so dass man sie nur über eine Brücke betreten kann. Ein Weg, der in Sonnenhitze recht lang und mühsam werden kann. Überhaupt sollte man immer reichlich Wasser bereit halten, denn im feuchten Glutofen Angkors kann es neben Schatten ein kostbares Gut sein. Aber Durst und Hunger muss zumindest kein Besucher leiden, denn findige Verkäufer sind wie Scharen von Kinder allgegenwärtig. Sie halten von der „echt uralten“ Buddhastatue aus Bronze bis zur frischen Kokosnuss alles bereit.

Ein Menschenleben reicht nicht aus, um sich an der Schönheit der unterschiedlichen Tempelanlagen satt zu sehen Foto: Dierk Wünsche

Aufwändig restauriert nimmt Angkor Wat seine Betrachter völlig in den Bann. Besonders beeindruckend sind dabei feinste Flachreliefs in Perfektion, die von den Schlachten der Khmer und ihrem Alltag, wie eine Art antiker „Comicstrip“, erzählen. Sie bedecken eine Wandfläche von 800 Metern Länge und sind damit die längsten zusammenhängenden Flachreliefs der Welt. Anders als bei Hindu-Tempeln üblich, ist Angkor Wat nicht nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet. So können die letzten Strahlen der untergehenden Sonne das Monumentalbauwerk berühren. Damit wird seine Stellung als Grabmahl von König Suryavarman, unter dem das Khmerreich seine größte territorriale Ausdehnung erlangte, hervorgehoben.

Was diese Augen in all den Jahrhunderten schon alles „gesehen“ haben? Foto: Dierk Wünsche

Das zu Stein erstarrte Lächeln
Eine geradezu magische Ausstrahlung geht auch vom Bayon aus. Der Tempel wirkt aus der Ferne betrachtet wie ein massiver Felsklotz im Urwald. Aus der Nähe versetzt das Bauwerk die Besucher oft in noch größere Begeisterung als Angkor Wat. Verschachtelte Galerien, filigrane Flachreliefs und unzählige Kammern, in deren Dämmerlicht buddhistische Mönche vor Statuen knien, tief versenkt in Meditation oder Gebete murmelnd. Räucherwerk schafft dazu eine mystische Atmosphäre! Das herausragende architektonische Merkmal des Bayon sind aber seine 37 Türme. Diese sind von insgesamt 200, meterhohen Gesichtern gekrönt. Ihr zu Stein erstarrtes Lächeln und die starren Augen, die in jeden Winkel zu blicken scheinen, lassen viele Betrachter trotz der Sonnenglut erschauern. Was haben diese Gesichter im Laufe der Jahrhunderte wohl alles erblickt? Vor den barbarischen Roten Khmer haben sie sicher die Augen verschlossen. Ganz entgegen ihre sonstigen Gewohnheiten legten die Mörderbanden um Pol Pot die Tempelanlagen aber nicht in Schutt und Asche, sie vergriffen sich hauptsächlich nur an Buddhastatuen.

Mächtige Baumwurzeln haben das oft schon morsche Mauerwerk fest im Würgegriff Foto: Dierk Wünsche

Die Allmacht der Wurzeln
Wer sich ein beeindruckendes Bild davon machen möchte, wie Angkor bei der Wiederentdeckung durch französische Wissenschaftler ausgesehen hat, kann dies in der Tempelanlage von Ta Prohm tun. Das ehemalige buddhistische Königskloster, in dem einst 18 Hohe Priester, 2.700 Mönche, 600 Tänzer und 12.000 Bedienstete wohnten, ist ein Zeugnis für die Vergänglichkeit der Menschenwerke und der überwältigenden Macht der Natur. Eine verwunschene Dschungelruine par excellence, unverändert seit vielen Jahrhunderten! In ihrem dunklen Gang-Labyrinth kann man sich verlaufen, und mehr als einmal schreckt man zusammen, wenn man um die Ecke biegt und in das Gesicht eines steinernen Buddhas, oder was von ihm übrig geblieben ist, blickt. Aus den Mauern wachsen Baumriesen empor. Wie Tentakel von Kraken umarmen die dicken Wurzeln Fassaden, Türme, Portale und Mauern. Auf der Suche nach Nahrung lassen feine, dünne Wurzeln keine noch so enge Fuge aus. Der Macht von Würgefeigen und Kapokbaum sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Beim Anblick dieses apokalyptische Chaos aus Wurzeln und Steinen kann man nachvollziehen, wie sich die ersten Entdecker von Angkor gefühlt haben.

Jedes Jahr verschwinden immer mehr Kunstwerke unwiederbringlich aus Ankor. Auf Bestellung geraubt und an Liebhaber in aller Welt verschachert Foto: Dierk Wünsche

Der Ausverkauf ist nicht zu stoppen
Leider gilt für Angkor das Gleiche wie für ganz Kambodscha: Man wundert sich, dass es überhaupt noch existiert. Jahrzehntelang waren die Ruinen ein Selbstbedienungsladen für devisenhungrige Militärs und Geschäftsleute. Alles, was irgendwie fort zu schaffen war, ist verschwunden und steht heute bei Kunstsammlern aus der ganzen Welt im Regal. Auch heute noch verschwinden viele Exponate quasi auf Katalogbestellung von einem Besuch auf den anderen. Zu groß ist das Areal, zu gering der Verdienst des Wachpersonals. So gehören geköpfte Steinfiguren leider zum Bild eines Angkorbesuchs. Auch stellt sich leider immer wieder die Frage, ob Kambodscha der Versuchung widersteht, Angkor in eine Art archäologisches Disneyland zu verwandeln, um an noch mehr Devisen zu gelangen.

In seiner Gesamtkomposition zählt Angkor zu den wundervollsten Tempelanlagen, die Menschen je geschaffen haben Foto. Dierk Wünsche

Trotz Massentourismus ist Angkor noch immer ein Traum aus Stein, an dessen Schönheit sich die meisten Besucher nicht satt sehen können. Ein Ensemble, das einerseits von Raub und Zerfall geprägt ist, andererseits für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Menschen in Kambodscha steht. Einem Land, das noch immer unter dem Trauma der Gewaltherrschaft der Roten Khmer leidet. Und wessen Seele einmal von Angkor ergriffen wurde, der will immer wieder dorthin zurückkehren, um Sonnenauf- und untergang über Angkor Wat oder unter den lächelnden Gesichtern des Bayon zu erleben.

 

 

© Dierk Wünsche, Münster

 

 

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